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Heft 6: Boden

Böden sind die Grundlage des Lebens. Sie ernähren die Pflanzen, reinigen das Wasser und regulieren das Klima. Ein Viertel der globalen Landoberfläche haben wir bereits zerstört, jede Minute kommen 30 Fußballfelder hinzu.
Das Heft als PDF (8,6 MB) – Juni 2015

Heft 6: Boden

Plötzlich brach der Boden weg

Nie hat sich Bauer Jens Petermann Sorgen um seinen Boden gemacht. Wie alle pflügt und düngt er – bis der Acker eines Tages fortgeschwemmt wird. Heute weiß er über seinen Boden Bescheid und setzt auf schonende Methoden. Damit ist er viel weiter als Politik und Öffentlichkeit.

Text: Sandra Kirchner

Metertief zieht sich die Erosionsrinne durch den Maisacker von Jens Petermann. Der Bauer betreibt einen Landwirtschaftsbetrieb in Dannenberg/Mark etwa 50 Kilometer nordöstlich von Berlin. Nach mehreren Regenfällen im August 2007 staut sich das Regenwasser an der Oberfläche, der Boden bricht einfach zusammen. Petermann ist fassungslos, dann begibt er sich auf eine Spurensuche, die Jahre andauert. Petermann stellt fest, dass sein Boden nur eine dünne Humusschicht hat. Gerade mal zwanzig Zentimeter Humus findet der Bauer. Darunter stößt er auf eine stark verdichtete Bodenstruktur, die weder Wasser aufnimmt noch Regenwürmern ein Zuhause bietet.

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Nur 20 Zentimeter Humus: Jens Petermann an dem Tag, der seinen Acker abstürzen und ihn zum Bodenforscher werden ließ. (Foto: G. Petermann
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Der Boden, auf dem wir heute leben, begann sich nach dem Ende der letzten Eiszeit vor gut 10.000 Jahren zu bilden, als sich das Klima erwärmte und die Eismassen abschmolzen. Prozesse der Bodenbildung sind langwierig und komplex. Im hiesigen Klima braucht es zwischen 100 und 200 Jahre, bis eine Humusschicht von einem Zentimeter aufgebaut ist. Durch den Einfluss von Wind und Regen und den Wechsel von Kälte und Wärme verwittert das Ausgangsgestein und wird immer mehr gelockert. Klüfte und Spalten entstehen.

Auf der verwitterten Oberfläche können sich zunächst niedrigere Pflanzen und Pioniere unter den Bodentieren ansiedeln. Algen, Flechten und Moose fördern die Lösung von Mineralien und beschleunigen so die weitere Verwitterung. Die zersetzte organische Substanz führt allmählich zur Ausbildung einer Humusschicht – sofern Böden nicht falsch bearbeitet werden.

"Bodenverschlechterung wird totgeschwiegen"

Eines der ersten Anzeichen für Degradation ist die Bodenverdichtung. 36 Prozent der Ackerböden in der EU sind – wie damals bei Jens Petermann – stark bis sehr stark verdichtet und 45 Prozent haben weniger als zwei Prozent organische Substanz. Dann kann ein einziger starker Regen reichen und zum Verlust des Bodens führen. Der Europäischen Umweltagentur zufolge sind 115 Millionen Hektar oder zwölf Prozent der EU-Fläche von Wasser-Erosion betroffen, weitere 42 Millionen Hektar sind durch Winde erodiert. In Europa ist die Degradation der Böden vor allem im Mittelmeerraum, in der nördlichen Lösszone und in Osteuropa weit vorangeschritten.

"Die Verschlechterung der Bodenqualität wird totgeschwiegen, weil die Prozesse langsam und kaum sichtbar vonstattengehen", meint Jochen Dettmer, Agrarexperte beim Umweltverband BUND. Ob die diesjährige Ausrufung des "Jahres der Böden" durch die Vereinten Nationen daran etwas ändern wird, ist noch nicht ausgemacht.

Bis 2030 soll die weltweite Bodenerosion gestoppt sein, so sieht es jedenfalls das Schlussdokument der UN-Nachhaltigkeitskonferenz 2012 in Rio de Janeiro vor. Verbindlich festgeschrieben werden soll das Ziel in den nachhaltigen Entwicklungszielen, die die UNO im Herbst dieses Jahres verabschieden will. Schon die bislang gültigen Millenniumsziele hätten nach Auffassung des deutschen Umweltbundesamtes zum Bodenschutz beitragen können, getan haben sie es allerdings nicht.

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Erosionsrinnen sind die Folge einer zu dünnen Humusschicht, der Regen versickert kaum und der Boden bricht ein. (Foto: Volker Prasuhn/Wikimedia Commons)

Jens Petermann hat inzwischen die Bewirtschaftung seiner Äcker verändert. Seine Felder sind ganzjährig bedeckt, die Saat bringt er ohne vorherige Bodenbearbeitung ein. Zudem bringt er weniger Stalldung aus und verteilt ihn nur auf der Oberfläche, ohne ihn in die Erde einzuarbeiten. Das schützt die Böden und ernährt Bodenorganismen. Im Laufe der Zeit hat sich die Bodenstruktur auf dem märkischen Acker verändert: Der Boden ist krümeliger geworden, unzählige Bodenorganismen leben dort. Mit einem Spaten dringt Bauer Petermann nun sogar in bis zu einem Meter Tiefe vor.