heft6 cover

Heft 6: Boden

Böden sind die Grundlage des Lebens. Sie ernähren die Pflanzen, reinigen das Wasser und regulieren das Klima. Ein Viertel der globalen Landoberfläche haben wir bereits zerstört, jede Minute kommen 30 Fußballfelder hinzu.
Das Heft als PDF (8,6 MB) – Juni 2015

Heft 6: Boden

Schwarze Aussichten in der Tiefsee

Deutschland investiert Millionen Euro, um bald metallische Rohstoffe auf Meeresböden abzubauen. In wenigen Jahren könnte es losgehen. Die ökologischen Folgen des Tiefseebergbaus sind jedoch unerforscht und auch internationale Standards gibt es bisher nicht.

Text: Jörg Staude

"Black Smoker" heißen die heißen Sulfid-Tiefseequellen, die – treffen sie aufs kalte Meerwasser – ihre mineralische Fracht ausfällen und auf dem Meeresboden ablagern: Buntmetalle wie Zink, Kupfer und Blei, wirtschaftsstrategische Rohstoffe wie Tellur, Selen, Indium, Gallium und Germanium, Edelmetalle wie Gold und Silber. Seit einigen Monaten gehört eine solche Metallgrube im Indischen Ozean der Bundesrepublik: 10.000 Quadratkilometer südöstlich von Madagaskar, ein Gebiet halb so groß wie Hessen, wurden per Lizenzvertrag durch die Internationale Meeresbodenbehörde für 15 Jahre an Deutschland übereignet.

2013 02 12 01 k.gif blobnormalv2
Schon neun Jahre erkundet Deutschland seine Manganknollen-Claims (Grafik vergrößern) im Ostpazifik zwischen Polynesien und Mexiko. (Grafik: BGR)

Dort, in gut 3.600 Metern Tiefe, will die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) die Vorkommen polymetallischer Sulfide erkunden lassen. Seit 2006 erforscht die BGR schon ein Manganknollen-Gebiet im Pazifik, ebenfalls für 15 Jahre gepachtet. Für beide Projekte gab die Bundesrepublik bisher knapp 26 Millionen Euro aus – ohne dass jemand garantieren kann, dass der Tiefseebergbau technisch funktionieren wird oder sich kommerziell rechnet.

Noch viel unklarer sind allerdings die ökologischen Folgen. Die Hydrothermalfelder von Black Smokern gelten als die am dichtesten besiedelten Lebensräume der Tiefsee. Ob es die Sulfid- oder Manganknollenfelder oder die dritte Erzformation in der Tiefsee, die sogenannten Kobaltkrusten, sind: "Für für keine der drei Rohstoffgruppen existieren bisher umfassende Studien, die sich mit den Umweltauswirkungen der geplanten Nutzung befassen", stellt Tim Packeiser, Tiefsee-Experte der Umweltorganisation WWF, klar. Für ihn ist es unter diesen Bedingungen schon ein Unding, dass die Meeresbodenbehörde immer mehr Erkundungslizenzen vergibt.

Ist vom Schutz der Tiefseeböden die Rede, berufen sich Firmen und Behörden oft auf ältere Untersuchungen, meist aus den 1990er Jahren. Damals waren aber heutige Probleme wie die totale Überfischung der Meere, ihre Versauerung durch den Klimawandel, die ozeanischen Müllstrudel, die um sich greifende Öl- und Gasförderung in großen Tiefen und in sensiblen Gebieten wie der Arktis oder die Verlärmung der Meere nicht in dem Maße vorhanden oder bekannt wie heute. "Zu wissen, was passiert, wenn der Tiefseebergbau als weiterer Stressor hinzukommt – davon sind wir Lichtjahre entfernt", kritisiert der WWF-Experte.

Enormer Flächenbedarf am Tiefsee-Boden

Beim Abschluss des Sulfid-Lizenzdeals sicherte Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig (SPD) selbstverständlich zu, man werde bei Erkundung und Abbau die "höchsten Umweltstandards" beachten. Packeiser kann das nicht beruhigen, denn diese Standards sind bisher noch nicht erarbeitet – geschweige denn durch die internationale Staatengemeinschaft vereinbart worden. Gerade einmal für die Erkundung gelten international anerkannte Regeln, aber schon nicht mehr für den Abbau, obwohl neben deutschen unter anderem auch chinesische und südkoreanische Firmen in den Startlöchern stehen.

Und der Flächenbedarf am Tiefsee-Boden ist enorm: Um wirtschaftlich rentabel zwei Millionen Tonnen Knollen zu fördern, müssten über 20 Jahre jährlich 130 bis 200 Quadratkilometer abrasiert werden, gab die Bundesregierung in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage an. Bei den Kobaltkrusten seien es 20 Quadratkilometer pro Jahr und bei den bis zu 70 Meter mächtigen Sulfid-Feldern ein bis zwei Quadratkilometer.

C. Van Dover OARNational Undersea Research Program NURP wikimedia
Der rohstoffreiche Tiefseeboden ist keineswegs tot – um Black Smoker herum leben 200 Bartwürmer in Symbiose mit schwefelliebenden Bakterien. (Foto: Cindy Lee Van Dover/OAR/NURP/Wikimedia Commons)

"Die Tiefsee ist ins Visier von Staaten und Unternehmen geraten, obwohl wir fast nichts über die fragile Umwelt der Tiefsee wissen. Bevor wir dort industriellen Bergbau planen, müssen Regeln zum Schutz der Meeresumwelt festgelegt werden", fordert Packeiser. Er befürchtet allerdings, dass in wenigen Jahren auch ohne notwendige Umweltstandards die ersten Abbauroboter den Tiefseeboden abgrasen – zu groß sei der Rohstoffhunger.