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Heft 6: Boden

Böden sind die Grundlage des Lebens. Sie ernähren die Pflanzen, reinigen das Wasser und regulieren das Klima. Ein Viertel der globalen Landoberfläche haben wir bereits zerstört, jede Minute kommen 30 Fußballfelder hinzu.
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Heft 6: Boden

Blei statt Butter bei die Fische

Mit Fischmehl gegen die Bleiseuche: Eine Nachbarschaft im kalifornischen Oakland hat sich an einer alternativen Methode versucht, um das giftige Schwermetall im Boden unschädlich zu machen. Nebenbei wurde aus dem urbanen Problemviertel eine Gemeinschaft.

Text: Susanne Schwarz

Brenda Brown muss sich quasi von Beruf aus ständig sorgen und kümmern. Sie ist die Direktorin der kleinen Pentecostal-Way-of-Truth-Schule im Viertel South Prescott der kalifornischen Großstadt Oakland. Kinder von der ersten bis zur zwölften Klasse sind tagsüber in ihrer Obhut – irgendetwas ist immer los. 2009 kommt zum alltäglichen Trubel eine weitere Sorge hinzu: Bodenproben ergeben, dass das Schulgelände stark mit Blei verseucht ist. Gerade bei Kindern kann eine zu hohe Belastung mit dem giftigen Schwermetall zu dramatischen Symptomen führen: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Abmagerung sowie Defekte der Blutbildung, des Nervensystems und der Muskulatur.

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Blei ist nicht gut für Fische, aber Fische sind gut gegen Blei. (Foto: Hobvias Sudoneighm/Flickr)

Bald stellt sich heraus, dass nicht nur Browns Schule betroffen ist. Die gesamte Nachbarschaft weist erhöhte Bleiwerte im Boden auf. Es handelt sich um eine Spätfolge der Schwerindustrie, die in Oakland bis in die frühen 1990er Jahre pulsierte. Die Fabriken wanderten ab, das Blei blieb – und zwar nicht zu knapp. Nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA beträgt die Konzentration im Boden von South Prescott durchschnittlich 843 ppm. Das Kürzel steht für parts per million, Teile von einer Million. Ab 400 ppm spricht die EPA von einem starken Gesundheitsrisiko, bedenklich nennt sie alles über 80 ppm.

Retten soll, was vom Tisch abfällt. 2011 beauftragt die EPA das lokale Unternehmen SFS Chemical Safety mit der Reinigung von 150 Grundstücken in South Prescott. Unter dem Motto "EPA Clean-up" startet das Fishbone Project – zu Deutsch Fischgräten-Projekt. Die Mitarbeiter vermengen den Boden dabei mit Fischmehl. Denn dieses enthält das Mineral Apatit.

Bodensanierung mit Fischmehl

"Chemisch ist das ein alter Hut", sagt Martin Kaupenjohann, Professor für Bodenkunde an der Technischen Universität Berlin. Das Wort Clean-up, Reinigung, sei aber irreführend. "Das Blei wird nicht entfernt, sondern nur in eine schwer lösliche Bindungsform überführt", erklärt Kaupenjohann. In einer chemischen Reaktion mit dem Apatit bindet sich das Schwermetall an das Mineral und wird so ungefährlich. "Der Boden wird nicht saniert, sondern man spricht von einer Sicherung der Altlast", sagt der Agraringenieur. Deshalb sei in South Prescott auch weiter Vorsicht geboten: "Wenn sich der pH-Wert des Bodens ändert – wenn er also versauert oder Pflanzen ihm zu viel Phosphor entziehen –, kann sich das Blei wieder lösen." Auch wenn das Blei zunächst erfolgreich gebunden sei, müsse man deshalb ständig die Bedingungen im Boden überprüfen und stabil halten, warnt Kaupenjohann.

Eine andere Lösung sei aber kaum möglich: "Wenn Blei oder andere Schwermetalle den Boden erst einmal verseucht haben, kann man ihn nur noch durch Abbaggern richtig sanieren", erklärt Kaupenjohann. Bei einem ganzen Stadtgebiet sei das jedoch kaum möglich – da bleibe nur die Sicherung. Auch andernorts sei dieser Weg üblich, wenn auch ohne Fischmehl. Aber: "Auch wenn der chemische Vorgang hinter dem Fishbone-Projekt nicht neu ist, ist es in der Praxis ein schönes Beispiel, wie aus einem Abfallprodukt ein Nutzen für die Umwelt entstehen kann."

South Prescott ist das, was man als sozialen Brennpunkt bezeichnet – die Zahl der Bewohner, die die Schule ohne Abschluss verlassen, liegt weit über dem Durchschnitt von Oakland. Seit die große Industrie die Umgebung verlassen hat, sind mehr als 40 Prozent der Einwohner arbeitslos. "Wir wollten nicht nur den Boden von Blei befreien, sondern auch die Nachbarschaft stärken", betont Maggie O'Donnell, Chefin von SFS Chemical Safety. Sie war es, die zu Beginn des Projekts einen kleinen Container als Büro und Anlaufstelle im Viertel aufbaute und die rund 45 nötigen Arbeiter direkt aus South Prescott engagierte – ein Drittel davon zu Projektstart ungelernt.

Im Garten stank es nach Fisch

Es war das erste Mal, dass die Fischmehl-Methode außerhalb von Testgeländen der EPA angewandt wurde. Nach und nach wurden die 150 Grundstücke bearbeitet. Ein Garten nach dem anderen wurde umgegraben und dabei mit Fischmehl versetzt. Das Container-Büro stattete O'Donnell mit Solar-Modulen aus, das Fischmehl und weitere Materialien wurden aus der Region gekauft. "Es kam uns darauf an, dass das ganze Projekt umwelt- und klimafreundlich aufgezogen wird", sagt O'Donnell.

Ende 2012 ist das Fishbone-Projekt geschafft. "Neue Bodenproben haben inzwischen gezeigt, dass wir unser Ziel erreicht haben", berichtet O'Donnell. "Laut der EPA ist das Blei nicht mehr löslich und für Menschen in seiner neuen chemischen Struktur nicht mehr gefährlich."

Nicht nur der Boden, auch die Stimmung in der Nachbarschaft hat sich verändert. "Plötzlich waren wir eine richtige Gemeinschaft", sagt O'Donnell. "Ich kenne immer noch die Namen aller Bewohner, ihrer Kinder und ihrer Hunde", scherzt sie. Schon während der Laufzeit des Projekts sei ein Wandel spürbar geworden, erzählt die Projektleiterin. "Die Leute haben auf einmal angefangen, ihre Höfe aufzuräumen und sich mit Nachbarn über die Arbeiten auszutauschen."

Maggie ODonnell
Bei der Reinigung der Böden in Oakland mussten 150 Gärten umgegraben werden. (Foto: Maggie O'Donnell)

Als die Gefahr gebannt ist, schmeißt Schulleiterin Brenda Brown vor Erleichterung ein großes Grillfest für das Fishbone-Team. "Die Schüler und Schülerinnen haben Tänze aufgeführt und gesungen, dann haben alle zusammen gegessen", erzählt sie. An nur ein Problem erinnert sie sich im Zusammenhang mit dem Projekt: "Man hatte uns gesagt, dass es ein paar Tage stinken würde – und das tat es auch gewaltig", erzählt die Schulleiterin lachend – nach Fisch eben.