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Heft 6: Boden

Böden sind die Grundlage des Lebens. Sie ernähren die Pflanzen, reinigen das Wasser und regulieren das Klima. Ein Viertel der globalen Landoberfläche haben wir bereits zerstört, jede Minute kommen 30 Fußballfelder hinzu.
Das Heft als PDF (8,6 MB) – Juni 2015

Heft 6: Boden

"Wir verlieren über 20 Milliarden Tonnen Boden pro Jahr"

BildDer Umweltexperte Klaus Töpfer über Tank und Teller, Land Grabbing und Tomaten, die ohne Erde wachsen.

Professor Klaus Töpfer ist Exekutivdirektor des Nachhaltigkeitsinstituts "Institute for Advanced Sustainability Studies" (IASS) in Potsdam. Der Volkswirt und CDU-Politiker war von 1987 bis 1994 Bundesumweltminister und danach Bundesbauminister, bevor er 1998 Chef des UN-Umweltprogramms UNEP in Nairobi wurde, das er bis 2006 leitete. Töpfer hat sich bereits zu Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn mit dem Medium Boden beschäftigt.

Herr Töpfer, buchstäblich jeder Mensch auf der Erde weiß, dass er ohne Boden nicht leben kann – schon, weil er sonst nichts zu essen hätte. Trotzdem werden die Böden asphaltiert, bebaut, erodiert und versauert, was das Zeug hält. Warum?

Klaus Töpfer: Das Problem ist: Der Boden hat kein positives Image, anders als zum Beispiel der Wald. Das Thema ist nicht sexy. In den Augen vieler ist Erde nicht mehr als Dreck. Der Boden wird, anders als das Klima, in Gesellschaft und Politik nicht als wichtiges Handlungsfeld betrachtet.

Das ist sträflich leichtsinnig, denn der Boden ist eine nicht erneuerbare Ressource. Es braucht Tausende Jahre, bis ein zerstörter Boden sich regeneriert, wir verlieren aber weltweit pro Jahr über 20 Milliarden Tonnen Boden. Das ist umso dramatischer, weil die Weltbevölkerung weiter wächst und die Ernährungsgewohnheiten sich ändern, wodurch der Druck auf die Böden zusätzlich steigt. Es ist deswegen zwingend notwendig, sich diesem Thema zentral zuzuwenden.

Ausgerechnet die von den Vereinten Nation propagierten neuen nachhaltigen Entwicklungsziele drohen aber den Druck zu verschärfen. Die "Sustainable Development Goals" (SDG) sollen im Herbst von den UN-Staaten verabschiedet werden. Von den 17 Zielen – wie Hunger- und Armutsbekämpfung, Stopp der Wüstenbildung, Artenschwund – haben zehn Auswirkungen auf den Boden.

Richtig. Rechnet man zusammen, welche Anforderungen diese zehn Ziele an Böden und an die darauf wachsende Biomasse stellen, dann reicht die weltweit verfügbare Bodenfläche bei Weitem nicht aus. Bei der Umsetzung der SDGs müssen deshalb Prioritäten gesetzt werden.

Beispiele?

Das bekannteste ist der Konflikt "Tank oder Teller". Also: Nutzen wir Ackerflächen für die Ernährung oder um Energie für Autos und Lastwagen zu produzieren? Ein weiteres Beispiel: Erhalten wir intakte Böden, um sie im Sinne des Klimaschutzes als Speicher für CO2 zu sichern, oder lassen wir zu, dass sie für Siedlungen und Straßen überbaut werden?

Müssen die 17 Ziele verändert werden?

Nein. Über sie ist lange verhandelt worden, und es ist unrealistisch, dieses Paket noch einmal aufzuschnüren. Es kommt darauf an, die Konflikte zwischen den einzelnen SDGs genau herauszuarbeiten. Das schafft die Voraussetzung, um Prioritäten setzen zu können, solange dafür noch Zeit ist. Wenn man das nicht tut, kann es zu spät sein oder sehr teuer werden – etwa wenn Böden übernutzt, versiegelt oder schafstoffbelastet sind.

Gibt es einen Masterplan, der es erlaubt, alle SDGs bodenschonend zu erreichen?

Einen globalen Plan kann es nicht geben, weil sich die Bodenprobleme auf den Kontinenten und in den Regionen stark unterscheiden. In Afrika zum Beispiel sind Überweidung, Erosion durch Wind und Wasser sowie die durch den Klimawandel verstärkte Wüstenbildung die Hauptursachen. In Europa geht es dagegen um Flächenversiegelung, Bodenverdichtung oder die Überdüngung von Äckern mit der daraus folgenden Grundwasserbelastung. Die Probleme müssen als ganz verschieden angepackt werden. Trotzdem ist natürlich eine länderübergreifende Hilfe möglich, etwa indem die Industriestaaten bodenschonende Technologien zur Verfügung stellen.

Die zunehmende Knappheit fruchtbarer Böden führt zu Phänomenen wie dem sogenannten Land Grabbing. Reiche Nationen oder Agrarkonzerne kaufen Land im Ausland, um die Ernährung der eigenen Bevölkerung zu sichern oder Agro-Kraftstoffe zu produzieren. Die Kleinbauern, die vorher auf dem Land lebten, werden oft vertrieben oder können ihr Land nicht mehr bearbeiten. Inzwischen gibt es freiwillige "Leitlinien" der UN, um diesen Landkauf in verträgliche Bahnen zu lenken. Reicht das aus?

Nein, leider nicht. Aber immerhin ist das Thema inzwischen auf der Agenda. Die Leitlinien sollten transparenter angewendet werden und verbindlich sein. Es muss zum Beispiel verhindert werden, dass Böden, die bisher der Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung dienen, für Agrosprit genutzt werden, besonders dann, wenn der in den Export geht.

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Weil die Ernährungsgewohnheiten sich ändern, steigt der Druck auf die Böden zusätzlich. (Foto: M. M. Padmanaba/Flickr; Porträtfoto Klaus Töpfer: Stephan Röhl/Heinrich-Böll-Stiftung)

Ähnliche Probleme verursacht der Anbau von Soja in Entwicklungsländern, von dem ein Großteil in die Massentierhaltung bei uns in den Industriestaaten fließt.

Was müsste geschehen, damit die UN-Leitlinien zum Landkauf wirklich beachtet werden?

Die UNO selbst kann sie nicht durchsetzen. Nur die die einzelnen Staaten und ihre Parlamente können diese Regeln verbindlich machen. Dafür braucht es öffentlichen Druck, auch durch die Medien. Wichtig ist allerdings auch, die strukturellen Ursachen für das Land Grabbing zu beseitigen, soweit wir das können. Weniger Fleischkonsum bei uns bedeutet auch weniger Soja-Nachfrage, und eine intelligente Energiewende im Verkehr entschärft den Tank-oder-Teller-Konflikt.

Eine gute Überleitung zum nächsten Thema: Deutschland gilt als Vorreiter bei Energiewende und Klimaschutz. Wie sieht es beim Bodenschutz aus?

In Deutschland selbst haben wir mit dem Bodenschutzgesetz eine gute Basis, da müssen wir uns nicht verstecken. Allerdings reicht das nicht aus, weil es Probleme wie die Versiegelung oder die vielfach zu intensiv betriebene Landwirtschaft nicht stoppen kann.

Ziel der Bundesregierung ist es, den Bodenverbrauch, der etwa durch Siedlungs- und Straßenbau verursacht wird, von 70 auf 30 Hektar pro Tag zu senken.

Ja, aber man kommt nicht voran damit. Die Rate des Bodenverlusts sinkt seit Jahren nur sehr langsam, wenn überhaupt. Etwa alle 20 Minuten geht bei uns ein Hektar verloren – das sind etwa anderthalb Fußballfelder. Man muss sich das einmal bildlich vorstellen. Deswegen haben wir im Rahmen unserer "Global Soil Week" im April einen Hektar mitten in Berlin symbolisch "versiegelt".

Müsste das Ziel nicht null Hektar sein – also kein Bodenverlust mehr?

Das wäre nur logisch – zumal die Bevölkerung in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten deutlich sinken wird. Die Ansprüche an den Boden könnten noch viel stärker gesenkt werden. Ein umfassendes Recycling bei der Bodennutzung ist zwingend.

Mit welchen Instrumenten könnten 30 oder null Hektar erreicht werden? Mit einer Versiegelungssteuer?

Das Wichtigste ist, erst einmal das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass der Stopp der Versiegelung ein Thema ist. Ich sehe nicht, dass es derzeit eine Mehrheit für eine neue Bodensteuer gibt, möglicherweise würde sie auch nur dazu führen, den Boden weiter zu verteuern.

Mehr Erfolg verspricht es, das Planungsrecht zu verändern, um die Versiegelung von Flächen zu verhindern und das "Flächenrecycling" voranzubringen. Statt Baugebiete und Gewerbeflächen auf die grüne Wiese zu setzen, sollten Industriebrachen und andere ungenutzte Flächen in den Kommunen dafür genutzt werden.

Deutschland nutzt allerdings nicht nur die eigenen Böden. Noch einmal die doppelte Landfläche wird im Ausland für die Agrar- und Forstprodukte benötigt, die importiert werden. Mit einem rein nationalen Bodenschutz kommt man da nicht weit ...

Richtig, unsere Kühe weiden quasi am Rio de la Plata. Das ist ein virtueller Bodenimport, der bis zu 70 Millionen Hektar ausmacht.

Wie kann man diesen Druck auf die Böden im Ausland mindern?

Wir müssen unsere Produktions- und Konsummuster daraufhin überprüfen, welche Folgen sie für die Bodennutzung haben, und entsprechend verändern. Ein Beispiel aus der Agrarindustrie: Deutschland ist einer der weltweit größten Fleischexporteure, was eine Massentierhaltung mit importiertem Futter erfordert und uns in den betroffenen Regionen Güllefluten und hohe Schadstoffbelastung einbringt. Dies zurückzufahren ist überfällig. Mit dieser Brille muss man auch die anderen Sektoren betrachten.

Zurück zur Eingangsfrage: Halten Sie es für möglich, im Jahr 2050 die dann wahrscheinlich von jetzt sieben auf neun Milliarden Menschen angewachsene Weltbevölkerung zu ernähren?

Müssen dafür alle Bio-Lebensmittel kaufende Vegetarier sein, die in kleinen, flächensparenden Wohnungen leben und auf Fahrradwegen statt auf sechsspurigen Autobahnen fahren? Ganz so strikt muss man nicht sein. Natürlich kann diese Welt auch neun Milliarden Menschen ernähren. Aber es müssen schon einige Voraussetzungen erfüllt sein, damit das gelingt. Erstens braucht es dazu eine angepasste Ernährung. Das heißt: Ein hoher Konsum von Fleisch- und Milchprodukten, wie er heute in den Industrieländern noch üblich, ist für neun Milliarden Menschen nicht ohne gravierende Auswirkungen auf die Umwelt vorstellbar. Ich bin optimistisch, dass die Veränderung klappt. In vielen Ländern, auch in Deutschland, hat der Bewusstseinswandel bereits begonnen. "Slow Food" und vegetarisches Essen sind "in".

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In Ländern wie Äthiopien tragen vor allem Extremwetterereignisse wie Dürre dazu bei, dass Böden erodieren. (Foto: Nick Reimer)

Zweitens brauchen wir eine intelligente, naturverträgliche, bodenschonende Art der Landwirtschaft, in den Industrie- wie den Entwicklungsländern. Gerade in den armen Ländern kann die Produktivität durch bessere Ausbildung und Technologien noch deutlich gesteigert werden, ohne dass die Böden und die anderen Umweltfaktoren darunter leiden müssen.

Und wenn das alles nicht gelingt?

Dann wird man die Nahrungsmittel mit viel weniger oder sogar ohne Boden produzieren müssen. Schon heute werden Tomaten verkauft, bei denen die Pflanzen statt in Erde in einer Nährlösung gewachsen sind.

Und die schmecken Ihnen?

Nein, tun sie nicht. Aber wenn die Menschheit nicht umsteuert, wird man solche Technologien weiter verfolgen und ausbauen müssen.

Interview: Joachim Wille

Klaus Töpfers Nachhaltigkeitsinstitut IASS veranstaltet mit Partnern regelmäßig die "Global Soil Week" in Berlin. In diesem Jahr stand sie unter dem Motto "The Substance of Transformation". 600 Teilnehmer aus 80 Ländern diskutierten über Wege zu einem nachhaltigen und verantwortungsbewussten Boden- und Landmanagement. Zu den Schwerpunkten gehörten die Bodensanierung und das nachhaltige Boden- und Landmanagement.

Eine IASS-Publikation vom April 2015 analysiert die Flächenkonflikte, die bei isolierter Umsetzung der SDGs entstehen. Der Titel: "The Role of Biomass in the Sustainable Development Goals: A Reality Check and Governance Implications”