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Heft 6: Boden

Böden sind die Grundlage des Lebens. Sie ernähren die Pflanzen, reinigen das Wasser und regulieren das Klima. Ein Viertel der globalen Landoberfläche haben wir bereits zerstört, jede Minute kommen 30 Fußballfelder hinzu.
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Heft 6: Boden

Der Boden – das unbekannte Land

Was ist Boden? Dreck, Matsch, Schlamm, sind häufige Antworten. Doch in jeder Kartoffel, jedem Brot und jedem Schnitzel steckt Boden. Böden sind Grundlage für Medizin genauso wie für Zahncreme. Sie stellen sauberes Wasser her und regulieren das Klima. Um all das nicht zu verlieren, müssen wir den Boden anders nutzen.

Text: Kai Niebert

Es gibt Dinge im Leben, denen wir erst Aufmerksamkeit schenken, wenn sie aus den Lot geraten. Der Boden ist so eine Sache: Wir stehen drauf, wir gehen, laufen, sitzen auf ihm. Wir nutzen ihn meist nur als Kulisse zum Fußball spielen, wandern oder auch, um seine unendliche Weite zu bewundern. Doch wirklich auffallen tut er uns erst, wenn etwas nicht stimmt: Wir bewegen uns nicht selten auf unsicherem Boden und wenn es schlecht läuft, verlieren wir dabei den Boden unter den Füßen. Besonders wenn wir bodenlose Frechheiten entdecken, die dem Fass den Boden ausschlagen, schämen wir uns in Grund und Boden. Nicht selten sind wir völlig am Boden, wenn wir keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen.

Wenn der Boden sich dann wieder etwas ebnet, sind wir froh, wieder auf den Boden der Tatsachen zurück zu kommen und endlich wieder festen Boden unter den Füßen spüren. Denn den Bodenkontakt zu verlieren galt noch nie als gutes Vorzeichen. Dieser Beitrag will versuchen, einem besseren Verstehen des Bodens den Boden zu bestellen – und Ansätzen für einen nachhaltigen Umgang mit Böden einen fruchtbaren Boden zu bereiten.

Grundlage des Lebens

Böden sind die belebte oberste Erdkruste des Festlandes. Sie bestehen aus Mineralien unterschiedlicher Art und Größe sowie aus organischen Stoffen, dem Humus – mit jeder Menge Luft dazwischen. Böden sind die Grundlage des Lebens. Pflanzen ziehen Minderalien, Phosphor oder Stickstoff aus dem Boden, bevor wir sie zu Brot, Wein und Co verarbeiten. Der Boden, auf dem eine Weinrebe wächst, ist von großer Bedeutung für Qualität und Geschmack des späteren Weins: Dem auf blauem Devon-Schiefer wachsende Riesling der Mosel wird ein Schiefer-Bouquet nachgesagt und die besten Pinot Noir der Welt gedeihen auf Kalkböden im Burgund. Und dennoch: Auch wenn Weinkenner den Geschmack des Bodens im Wein erkennen, kaum jemand denkt beim Essen an den Boden.

Fragt man Laien, was sie sich unter Boden vorstellen, kommen häufig Antworten wie Dreck, Matsch, Schlamm – eine schmutzige braune Masse. Doch Boden ist so viel mehr: Böden versorgen Pflanzen mit Nährstoffen und Wasser. In jeder Kartoffel, jedem Brot, jedem Kohlkopf und jeder Möhre, aber auch in jedem Schweineschnitzel, Ei und Rindersteak steckt Boden – oder besser Nährstoffe, aber auch Schadstoffe aus dem Boden. Böden spielen nicht nur eine wichtige Rolle in der Nahrungsmittelherstellung. Boden dient auch als Grundlage für die Medizin: Heilerde zur Hautpflege, Torf bei Rheumaerkrankungen und Kreide als Poliermittel in der Zahncreme sind nur drei Beispiele.

Darüber hinaus filtern Böden Regenwasser und stellen sauberes Trinkwasser her. Sie regulieren als Kohlenstoffspeicher das Klima. Und sie sind lebendig: Neben Regenwürmern, Asseln und Spinnen leben in einem Teelöffel voll Boden mehr Mikroben als Menschen auf der Erde. Während alle Menschen auf der Erde zusammen 0,4 Milliarden Tonnen auf die Waage bringen, schaffen es die Mikroben auf 800 Milliarden Tonnen. Diese Lebewesen zersetzen abgestorbene Pflanzenteile, bauen sie in Humus um und verteilen fruchtbare Substanz im Boden.

Hundert Generationen

In menschlichen Zeiträumen betrachtet ist der Boden eine nicht erneuerbare Ressource: Bis sich fruchtbarer Boden gebildet hat, auf dem man Ackerbau betreiben kann, haben mehr als 100 Generationen Menschen gelebt: In Europa entsteht pro Jahr nur etwa 0,1 Millimeter neuer Boden. Ein Zentimeter in hundert Jahren. Fruchtbare Böden weisen sich dadurch aus, dass die Wurzeln von Pflanzen und die Myzelien von Pilzen die Erde zusammenhalten und Wasser und Nährstoffe herausziehen. Regenwürmer, Insekten, Milben und Spinnen wühlen sich durch ihn hindurch und lockern ihn auf. Wenn Pflanzen absterben, werden sie von Bakterien, Algen und Co zu Humus zersetzt, der schwarzen Schicht an der Oberfläche vieler Böden. Diese Schicht ist für die Fruchtbarkeit des Bodens entscheidend.

Maßgeblich verantwortlich für die Entstehung von Böden ist das Klima: Regen löst Mineralien und Salze und nimmt diese im durchsickernden Wasser mit nach unten. Durch Verdunstung und Kapillarkräfte kommen sie wieder nach oben, wo sie sich in Schichten ablagern. Wasser und Säuren brechen das Gestein auf und bilden neuen Boden. In Mitteleuropa haben wir relativ junge Böden. Das ist auf die wiederkehrenden Eiszeiten zurückzuführen: Immer wieder schoben Gletscher die Sedimente beiseite und gruben den Boden um. So entstanden die sehr jungen, unverwitterten und fruchtbaren Böden, auf denen wir heute unser Obst und Gemüse anbauen. Den Gegensatz bilden die stark verwitterten und sehr unfruchtbaren Böden der Tropen. Dort werden Nährstoffe wie Phosphate durch Eisen- und Aluminiumoxide gebunden, die den Böden die typische rote Farbe verleihen. In diesen Regionen sind Nährstoffe nicht wie bei uns im Boden, sondern in den lebenden Pflanzen gespeichert.

Langzeit-Kohlenstoffspeicher

Jedes Kind lernt in der Schule, dass Bäume Kohlenstoff speichern. Das stimmt – wenn auch nur kurzfristig: Wälder bedecken rund vier Milliarden Hektar Fläche auf der Erde und speichern in ihren Blättern, Ästen und Wurzeln Kohlenstoff. Wenn sie jedoch gefällt oder verbrannt werden, dann wird der in ihnen gebundene Kohlenstoff wieder in die Atmosphäre abgegeben. Wer langfristig Kohlenstoff speichern will, braucht gesunde Böden.

Zählt man die Sedimente dazu, ist der Boden der mit Abstand größte Kohlenstoffspeicher der Erde: Mehr als 99,95 Prozent des Kohlenstoffs der Erde sind im Boden in Form von Kalkgesteinen, Schiefern, Gashydraten, Öl, Kohle und so weiter gespeichert. Aber auch, wenn man "nur" den humösen Boden betrachtet, ist die gespeicherte Kohlenstoffmenge enorm: Boden bindet etwa 1.500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff allein im Humus. Das ist größtenteils der Kohlenstoff von abgestorbenen Lebewesen – und dreimal mehr, als alle auf dem Boden lebenden Organismen inklusive Bäumen, Sträuchern und Gräsern an Kohlenstoff speichern.

Doch zur Ernährung von bald neun Milliarden Menschen – vor allem mit Fleisch – wird immer mehr Ackerland benötigt. Ackerland belegt heute rund 1,4 Milliarden Hektar der Erdoberfläche, weitere 3,5 Milliarden Hektar sind Weideland. Beide enthalten weniger organische Substanzen als Böden mit natürlicher Vegetation. Beim Ackerbau liegt Boden offen und ist der Erosion durch Wind und Wasser ausgesetzt. Das Pflügen von Äckern und das Ernten von Feldfrüchten beschleunigt die Freisetzung von CO2 in die Atmosphäre. Der Reisanbau setzt Methan frei, ein Gas mit der 25-fachen Klimawirkung von CO2.

Besonders wichtige Kohlenstoffspeicher sind die Moore: Weltweit nehmen Moore drei Prozent der Landoberfläche ein, speichern aber 20 bis 30 Prozent des gesamten im Boden gelagerten Kohlenstoffs. Werden Moore jedoch zur Nutzung entwässert, gelangt Luft in den Moorkörper und er wird mineralisiert. In der Folge entweichen riesige Mengen CO2. Moore drohen so von einer Kohlenstoffsenke zur Kohlenstoffquelle zu werden und den Klimawandel zu beschleunigen.

Um die Fähigkeit des Bodens zur Kohlenstoffspeicherung zu steigern, sind nachhaltige Bewirtschaftungsmethoden notwendig. Dazu zählen ein eingeschränktes und sensibleres Pflügen, ein besserer Erosionsschutz und eine Düngung des Bodens mit Kompost und Dung.

Bodenlos?

Je intensiver Böden landwirtschaftlich genutzt werden, desto mehr fruchtbarer Boden geht verloren. Gleichzeitig steigt die Konkurrenz auf den Äckern: Unter dem Stichwort "Bioökonomie" wird der Versuch unternommen, fossile Energieträger durch nachwachsende Rohstoffe zu ersetzen.

Dabei wird das Konzept der Grünen Revolution umgekehrt: In den 1960er Jahren erhöhte der erdölbasierte Düngemittel- und Pestizideinsatz den landwirtschaftlichen Ertrag pro Fläche deutlich. Mit dem Einsatz fossiler Energie konnte so in Deutschland der Mangel an Land kompensiert werden. Die Bioökonomie kehrt diese Strategie um und will das knapper werdende Erdöl nun durch landintensive Produkte ersetzen.

Beide Strategien ignorieren jedoch die ökologischen und sozialen Grenzen, an die diese Form der nicht nachhaltigen Landwirtschaft stößt: Wird die Bioökonomie im großem Maßstab Wirklichkeit, werden alle Biodiversitäts-, Klima – und Entwicklungsziele unerreichbar. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP rechnet vor, dass bei unverändert zunehmender, nicht nachhaltiger Nutzung des Bodens im Jahr 2020 die ökologische Tragfähigkeit des Planeten Erde überschritten ist.

Bei 1,4 Milliarden Hektar Ackerfläche auf der Erde muss jeder Mensch mit 2.000 Quadratmetern auskommen, von deren Ertrag er sich ernähren muss. Um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren, müssen wir unsere Bodennutzung auf nachhaltige Füße stellen.

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Letzter Dreck oder Grundlage des Lebens? Was wir mit dem Boden machen, entscheidet über unsere Zukunft – ob wir es verstehen oder nicht. (Foto: Bilderheld/Flickr)

Kai Niebert ist Professor für Nachhaltigkeit und Bildung an den Universitäten Zürich und Lüneburg