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Heft 6: Boden

Böden sind die Grundlage des Lebens. Sie ernähren die Pflanzen, reinigen das Wasser und regulieren das Klima. Ein Viertel der globalen Landoberfläche haben wir bereits zerstört, jede Minute kommen 30 Fußballfelder hinzu.
Das Heft als PDF (8,6 MB) – Juni 2015

Heft 6: Boden

Boden bewegt! Plädoyer für einen Bodenschutz-Dialog

Die Vereinten Nationen sind dabei, sich neue Entwicklungsziele zu geben, die für alle Staaten gelten. Dazu gehört auch, die Bodenverschlechterung zu stoppen. Um die Rolle des Bodenschutzes und Konflikte mit anderen Zielen zu erkennen, sind Dialogprozesse jetzt sehr wichtig. Die "Global Soil Week" bietet dafür eine Plattform.

Text: Jes Weigelt

Der Zustand unserer Böden ist ein zentraler Indikator für die (Nicht-)Nachhaltigkeit unserer Entwicklungswege: Böden sind in menschlichen Zeiträumen eine nicht erneuerbare Ressource. Was wir jetzt zerstören, steht unseren Kindeskindern nicht mehr zur Verfügung. Manche Bodentypen sind durch die menschliche Nutzung bereits verschwunden. Fruchtbare Böden sind nicht nur knapp, der Zugang zu ihnen ist auch extrem ungleich verteilt. Im globalen Durchschnitt sind Böden ungleicher verteilt als das Einkommen in der Republik Südafrika – einem Land, dass noch immer unter dem Erbe der Apartheid leidet.

Hinzu kommt: Bodenschutz ist (noch) kein Thema für die breite Öffentlichkeit. Mit der "Global Soil Week" wurde deshalb eine Plattform geschaffen, die diesem Kommunikationsdefizit etwas entgegensetzen soll.

Die Post-2015-Entwicklungsagenda

Positiv betrachtet ist Bodenschutz ein wichtiger Baustein für eine erfolgreiche Klimapolitik und für eine wirksame Post-2015-Entwicklungsagenda. Bei diesem weltweiten Entwicklungsprogramm geht es um die die sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs). Diese Ziele für eine nachhaltige Entwicklung wollen die Vereinten Nationen im September 2015 verabschieden. Im Unterschied zu den bisherigen Millenniums-Entwicklungszielen gelten die Ziele der Post-2015-Entwicklungsagenda für alle Staaten und damit auch für Deutschland.

Böden und ihre nachhaltige Nutzung sind für mehrere dieser SDGs von Bedeutung. Ausdrücklich werden Böden im Ziel der Bekämpfung des Hungers genannt, in dem auf die fortschreitende Steigerung der Bodenfruchtbarkeit Bezug genommen wird. Im gegenwärtigen Vorschlag für die Sustainable Development Goals findet sich auch ein Unterziel, das besagt, dass wir bis zum Jahr 2030 eine "land degradation neutral world" erreichen sollen. Eine Welt also, in der es netto zu keiner neuen Bodenverschlechterung kommt.

Für die erfolgreiche Umsetzung der Post-2015-Entwicklungsagenda wird es von großer Bedeutung sein, nationale Dialogprozesse zu etablieren, bei denen mögliche Zielkonflikte erkannt und diskutiert werden können. Diese Dialogprozesse müssen deswegen partizipativ und inklusiv gestaltet werden. Das gilt nicht zuletzt für die Wirkungen unserer deutschen Konsum- und Produktionsmuster auf Böden außerhalb Deutschlands.

Bodenrehabilitierung sichert Ernährung

Im Zuge der Debatten etwa um die "land degradation neutral world" haben Überlegungen zur Bodenrehabilitierung an Bedeutung gewonnen, da es an vielen Orten der Welt unabwendbar zu weiterer Bodendegradierung kommen wird, zum Beispiel durch den Ausbau von Siedlungsfläche. Unter Bodenrehabilitierung werden Maßnahmen verstanden, die der Wiederherstellung der Bodenfruchtbarkeit auf degradierten Böden dienen. Die Anreicherung von organischer Substanz im Boden und damit die Steigerung des Anteils von bodengebundenem Kohlenstoff ist eine wichtige Maßnahme zur Bodenrehabilitierung. Derartige Bodenrehabilitierung kann die Ernährungssicherheit erhöhen, weil die gesteigerte Bodenfruchtbarkeit die Produktionsbedingungen verbessert, und sie kann den Klimawandel abmildern.

Im Dezember findet in Paris die 21. Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen statt. Im Vorfeld speist der Gastgeber Frankreich Überlegungen zum Bodenschutz aktiv in die Diskussion ein. Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll hat die Idee unter dem Motto "4 Promille" lanciert. Er nimmt damit auf eine Studie des französischen Instituts INRA Bezug, in der es heißt, dass eine Steigerung des bodengebundenen Kohlenstoffs um vier Promille pro Jahr die weltweiten Treibhausgasemissionen kompensieren könne. Wenn diese Initiative Eingang in die Beschlüsse des Pariser Klimagipfels findet, würde das einen wichtigen Referenzpunkt für den Bodenschutz darstellen.

Die Bundesregierung fördert Bodenrehabilitierung derzeit mit einem besonderen Schwerpunkt im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit durch die Sonderinitiative "Eine Welt ohne Hunger". In fünf Partnerländern sollen Bodenrehabilitierungsmaßnahmen für kleinbäuerliche Bevölkerungsgruppen gefördert werden. Dabei werden die Maßnahmen zur Erosionsbekämpfung – als Teil von Maßnahmen zur nachhaltigen Landnutzung – mit Aktivitäten zur Steigerung der Bodenfruchtbarkeit nach dem Paradigma des Integrierten Bodenfruchtbarkeitsmanagements ergänzt.

Bodenschutz braucht menschenrechtliche Basis

Angesichts von immer noch mehr als 800 Millionen hungernden Menschen muss Bodenschutz vor allen Dingen zur Umsetzung des Rechts auf Nahrung beitragen. Die Gestaltung von Landrechten nimmt dabei eine große Bedeutung ein. Besonders wichtig sind dabei die Landrechte von Frauen sowie der Zugang zu Allmenden – gemeinschaftlich bewirtschaften Landflächen –, da die Nutzer dieser Flächen häufig marginalisiert sind.

Auch bei den genannten Maßnahmen zur Bodenrehabilitierung muss die Frage der Landrechte mitbedacht werden. Die Wahl der Technologie hat große Auswirkungen darauf, welche Bevölkerungsgruppen von Bodenrehabilitierung profitieren. Falls es bei den Klimaverhandlungen zu einer globalen Initiative für die Anreicherung von Bodenkohlenstoff – bei allen ihren Vorteilen – kommen sollte, würde damit aller Voraussicht nach auch die Nachfrage nach großskaligen Lösungen deutlich steigen.

Für diese und andere Maßnahmen zum Bodenschutz liegt mit den "Freiwilligen Leitlinien für verantwortungsvolle Regierungsführung im Landbereich" ein Prinzipienkatalog vor. Die Leitlinien wurden im Mai 2012 vom UN-Ausschuss für Welternährung angenommen, sie sind damit das einzige globale Übereinkommen zur Regierungsführung im Landbereich. Die besondere Stärke der Freiwilligen Leitlinien speist sich aus dem inklusiven Verhandlungsprozess, der zu ihrer Verabschiedung geführt hat. So hat auch die Zivilgesellschaft intensiv an den Verhandlungen teilgenommen.

Die Gründe für die Degradation oder Zerstörung unserer Böden sind weltweit höchst unterschiedlich. Gegen die Ausdehnung der Wüste in der Sahelzone müssen ganz andere Maßnahmen ergriffen werden als zur Eindämmung des Landverbrauchs in Deutschland. Angepasster Bodenschutz muss gleichermaßen auf wissenschaftliches wie traditionelles Wissen zurückgreifen und auf den Erfahrungen von Entscheidungsträger(inne)n in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft aufbauen. Welche Bodenschutzmaßnahmen erfolgreich sind, lässt sich deshalb nur durch gemeinsame Suchprozesse verschiedener gesellschaftlicher Akteure herausfinden.

In die politische Öffentlichkeit wirken: Die Global Soil Week

Gleichzeitig fehlt es dem Schutz unserer Böden häufig an politischer Aufmerksamkeit. Deshalb sind Maßnahmen notwendig, um in die politische Öffentlichkeit zu wirken. Vor diesem Hintergrund hat das Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam die Global Soil Week ins Leben gerufen. Partner in Deutschland sind das Bundesentwicklungsministerium, das Umweltbundesamt und die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Die Global Soil Week 2015 unter dem Titel "Soil: The Substance of Transformation" haben gut 600 Teilnehmer aus 80 Ländern besucht.

Die Global Soil Week dient einerseits als Plattform, um die verschiedenen – häufig unabhängig voneinander geführten – Dialoge zum Bodenschutz zusammenzuführen. Andererseits ist sie ein Prozess, um zur Fortführung dieser Diskussionen beizutragen und ihre Einbindung in politische Prozesse zu fördern. Nicht zuletzt soll die Global Soil Week die Öffentlichkeit ansprechen, um Dialoge über Bodenschutz anzustoßen. Die Filme "Let's Talk About Soil" und "Better Save Soil" sowie der gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung, dem BUND und Le Monde diplomatique herausgegebene Bodenatlas und die Ausstellung "Ein Hektar" stellen erste Aktivitäten in diese Richtung dar.

Dabei ist deutlich geworden: Die Umsetzung der Post-2015-Entwicklungsagenda in Deutschland muss durch einen Multi-Stakeholder-Prozess erfolgen, also gemeinsam durch öffentliche, zivilgesellschaftliche und private Akteure. Die Global Soil Week bietet sich als Plattform zur Diskussion der bodenbezogenen Sustainable Development Goals an und lädt Interessierte schon jetzt zur Mitwirkung ein.

Susanne Götze
Die Vereinten Nationen wollen bis 2030 eine "land degradation neutral world" erreichen, in der es netto zu keiner neuen Bodenverschlechterung kommt. (Foto: Susanne Götze)

Der Agrarökonom Jes Weigelt koordiniert das Global Soil Forum am Nachhaltigkeitsinstitut IASS in Potsdam