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Heft 6: Boden

Böden sind die Grundlage des Lebens. Sie ernähren die Pflanzen, reinigen das Wasser und regulieren das Klima. Ein Viertel der globalen Landoberfläche haben wir bereits zerstört, jede Minute kommen 30 Fußballfelder hinzu.
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Heft 6: Boden

Wem gehört der Boden? Die Renaissance der Allmende

Früher gab es auch bei uns in fast jedem Dorf eine Allmende – Land, das gemeinschaftlich gepflegt und bewirtschaftet wurde. Das war relativ fair und stets nachhaltig. Mit dem Kapitalismus wurden Allmenden privatisiert. Heute lebt das Konzept wieder auf – und könnte uns aus der Krise führen.

Text: Jörg Sommer

Genau 100 Seiten umfasst das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das Stephan Pütz im Dezember 2012 zugestellt wurde. Die Essenz: Pütz verliert sein Haus, seinen Grund und Boden.

Nicht etwa, weil er seine Hypotheken nicht bezahlen konnte oder irgendein Vergehen begangen hatte. Sein einziger Fehler: Sein Haus am Rande von Erkelenz stand dem Energiekonzern RWE im Wege. Der nämlich wollte dort Braunkohle abbauen. Und das in einem Umfang, der suggeriert, das Wort Energiewende sei noch nie gefallen. Der Braunkohleabbau in Nordrhein-Westfalen soll bis 2045 andauern und ein Gebiet von 4.800 Hektar umfassen, rund 7.000 Menschen sind von Zwangsumsiedlungen betroffen.

Wenn das Recht des Bürgers auf Eigentum an Grund und Boden mit den Interessen der großen Konzerne kollidiert, geht es häufig so aus wie in diesem Fall.

Das ist schlimm für die Betroffenen. Heute ebenso wie vor 160 Jahren. Damals hielt Lushootseed Si'ahl, später verballhornt zu "Häuptling Seattle", eine Rede, die zwar nicht schriftlich aufgezeichnet wurde, aber bis heute legendär ist. Die Suquamish im Nordwesten der USA sollten 1854 dazu gezwungen werden, den Weißen ihr Land zu verkaufen. Damals gab es kein Verfassungsgericht, das sie anrufen konnten, es gab auch keine Klage. Was auch daran lag, dass den Suquamish der Gedanke, Land zu "verkaufen", schlicht unvorstellbar war:

"Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen – oder die Wärme dieser Erde? Diese Vorstellung ist uns fremd. Wenn wir die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers nicht besitzen – wie könnt ihr sie von uns kaufen?"

Die Perversität des Privaten

So fragte Si'ahl. Nicht nur den Ureinwohnern Nordamerikas war der Gedanke schwer zu vermitteln, man könnte Teile der Erde "besitzen". Das Konzept des Landbesitzes ist im Verlauf der Menschheitsgeschichte erst spät entstanden.

Solange sich die Menschen vom Sammeln und Jagen ernährten, gab es keinen Anlass für solche Überlegungen. Vorübergehend nahm man Höhlen in Besitz, verteidigte sein aktuelles Revier. Doch zogen die Beutetiere weiter, zog man eben mit. Privatbesitz an Boden – wozu?

Spannend wurde es erst mit der Entwicklung des Ackerbaus. Als der Mensch lernte, die Erde nach seinen Wünschen zu gestalten, wurde der Privatbesitz an dieser gestaltbaren Erde interessant – aber setzte sich dennoch über Zigtausende von Jahren nicht flächendeckend durch.

Selbst in Europa kannten wir bis vor wenigen Generationen noch das Konzept der sogenannten Allmende. Der Begriff entstand im Hochmittelalter als "al(ge)meinde" oder "almeide" und bezeichnete ein im Besitz einer Dorfgemeinschaft befindliches Grundeigentum. Die Allmende war also durchaus nicht "besitzloses" Land. Sie gehörte jedoch nicht Individuen, sondern der Gemeinschaft. Sie wurde gemeinschaftlich gepflegt und bewirtschaftet. Die Erträge wurden gemeinschaftlich genutzt. In Deutschland zum Beispiel gab es im frühen Mittelalter praktisch in jedem Dorf eine Allmende.

Das Konzept hatte sich bewährt, weil es zum Beispiel die Versorgung mit Brennholz, Wild und Futter für die Tiere sicherstellte – und das über viele Generationen hinweg. Denn die Allmende wurde stets nachhaltig bewirtschaftet, kurzfristige persönliche Ausbeutung wurde nicht geduldet.

Doch mit der Entwicklung der Produktivkräfte wuchs auch die Gier ihrer größten Nutznießer: Im 15. und 16. Jahrhundert eigneten sich weltliche Herrscher die Gemeindeflächen an. Dieser sogenannte Allmende-Raub war einer der Auslöser für den deutschen Bauernkrieg.

Die Allmende lebt bis heute

Seitdem ist die Allmende in Europa weitgehend zurückgegangen. Allerdings konnte sie sich in einigen Bereichen noch erhalten. Besonders dort, wo das Land aufgrund geografischer oder klimatischer Gegebenheiten nach wie vor nur extensiv bewirtschaftet werden kann. Im gesamten Alpen- und Voralpenraum existieren Allmenden bis heute. In Südamerika, aber auch in Afrika und Asien spielen Allmende-ähnliche Gemeinflächen nach wie vor eine große Rolle. So verstehen die meisten Dörfer Afrikas ihre Äcker als Erbe aller, das sie gemeinsam bewirtschaften.

Doch Allmenden sind nur dort ungefährdet, wo eine intensive Landnutzung wenig attraktiv ist. Kommen gar Bodenschätze ins Spiel, sind auch heute noch brutale Landnahmen die Regel. Tatsächlich beobachten wir nach wie vor eine starke Tendenz zur Privatisierung von Allmenden und Allmendegütern. Der US-Ökonom Michael Hudson hält es für äußerst gefährlich, dass private Banken sich vom Kreditgeschäft ab- und dem Aufkauf von natürlichen Ressourcen und Gemeingütern zuwenden – vom Boden bis hin zu Universitäten. Er kritisiert in seinem Buch "The Bubble and Beyond", dass die Austeritätspolitik von Weltbank und IWF besonders betroffene Staaten dazu zwingt, ihre Allmendegüter zu ungünstigen Konditionen zu privatisieren. Daraus können die Finanzinvestoren hohe permanente Renten beziehen. So sieht der Allmende-Raub im 21. Jahrhundert aus.

Ein altes Konzept mit neuem Potenzial

Zugleich erleben wir aber in den entwickelten Industriegesellschaften so etwas wie eine "Renaissance der Allmende". Auf der Suche nach Bewältigungsstrategien für die ökologischen Krisen des 21. Jahrhunderts rückt die Allmende als Konzept der Nachhaltigkeit wieder in den Blick. Kollektive Verantwortung für kollektiven Besitz spricht immer mehr Menschen an und ist Bestandteil vieler experimenteller Lebens- und Arbeitsformen. Junge Menschen überall auf der Welt haben "Besitz" als einen wesentlichen Verursacher für die großen gesellschaftlichen und ökologischen Probleme unserer Zeit ausgemacht. Sie hinterfragen den Sinn von privatem Eigentum in allen Bereichen des Lebens und stellen ihm die kollektive Nutzung von Ressourcen entgegen. Dabei beziehen sie sich nicht nur auf Grundbesitz, sondern experimentieren in vielen Bereichen des Alltags. Carsharing- Konzepte ersetzen Privatbesitz an Autos, Workspace-Angebote machen private Büroräume überflüssig. Nicht genutzte private Lebensmittel werden von Foodsharing-Initiativen gerettet und neu verteilt. Urban-Gardening-Initiativen schaffen Kleinstallmenden in der Stadt.

Auch in Deutschland kommen Allmende-Konzepte zunehmend aus der Nische heraus. Die Debatte um die Nutzung des Tempelhofer Feldes mitten in Berlin ist dafür bezeichnend. Der Volksentscheid vor einem Jahr über die Zukunft des ehemaligen Flughafens machte dem Senat bei seinen Planungen einen dicken Strich durch die Rechnung. Statt der vorgesehenen "Randbebauung" mit 4.700 Wohnungen und zahlreichen Gewerbeeinrichtungen bleibt die größte Allmende Berlins der Allgemeinheit zugänglich.

Allmende als Zukunftsmodell?

Der Allmende-Gedanke gewinnt also immer mehr Anhänger – und er wird mehrheitsfähig in der Mitte der Gesellschaft. Aber ist die Allmende heute eine zeitgemäße Antwort auf die Herausforderungen der Transformation?

Ohne Zweifel ist das Allmende-Konzept attraktiv. Es fördert Nachhaltigkeit, weil es auf Nutzung statt Verbrauch ausgerichtet ist. Es ist effizienter als Privatbesitz, weil es ermöglicht, Nichtnutzung zu korrigieren. Es wirkt sozial ausgleichend und fördert Kommunikation statt Konflikt. Aber auch Allmende bedeutet Nutzung – und in einem zunehmend be- und überlasteten Ökosystem Erde braucht es Bereiche, in denen nicht nur kein Verbrauch, sondern auch keine menschliche Nutzung stattfindet. Regenwälder und andere Urwälder verkraften auch eine Allmende-Nutzung nur im kleinsten Maßstab, bei geringster Bevölkerungsdichte. Die Überfischung vieler Meere lässt sich auch mit Allmende-ähnlichen Nutzungskonzepten nicht wirklich beenden, sondern nur mit konsequenter Nichtnutzung. Die Zahl und Fläche von Naturschutzgebieten mit absolutem Nutzungsverbot – und das meint auch touristische Nutzung – bedarf einer deutlichen Steigerung.

Die Allmende ist eine starke Alternative zur privatwirtschaftlichen Nutzung von Land und anderen Ressourcen. Sie ist ein wichtiges, ja wesentliches Standbein einer Zukunftsökonomie. Sie hat eine große, bedeutende Perspektive. Ganz besonders dann, wenn wir den Allmendegedanken auf die globale Dimension erweitern. Denn wie die Bauern ihre Allmende-Weide im Mittelalter, so sollten wir auch unseren Planeten betrachten: Indem wir akzeptieren, dass wir nicht alles nutzen können, was kurzfristig möglich wäre, sondern ihn für die kommenden Generationen bewahren.

Oder, um es mit den überlieferten Worten des Häuptlings der Suquamish zu sagen: "Denn das wissen wir, die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde."

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Die Weiterentwicklung der Produktivkräfte brachte das Aus für die Allmenden. (Foto: Olli Henze/Flickr)

Jörg Sommer, Schriftsteller und Journalist, ist Vorsitzender der Deutschen Umweltstiftung und Mitherausgeber des Jahrbuchs Ökologie