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Heft 6: Boden

Böden sind die Grundlage des Lebens. Sie ernähren die Pflanzen, reinigen das Wasser und regulieren das Klima. Ein Viertel der globalen Landoberfläche haben wir bereits zerstört, jede Minute kommen 30 Fußballfelder hinzu.
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Heft 6: Boden

"Die Landwirtschaft steckt in der Umweltkrise"

UH 3Wenn sie nicht grundlegend reformiert wird, zerstört die industrielle Landwirtschaft auf lange Sicht die Lebensgrundlage von uns allen, sagt Ulrich Hoffmann vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau. Ausgelaugte Böden gefährden nicht nur die Nahrungsmittel­sicherheit, sie befördern auch das Artensterben und den Klimawandel.

Ulrich Hoffmann ist Chefökonom für Nachhaltigkeit am Forschungsinstitut für biologischen LandbauLandbau (FiBL) in der Schweiz

Herr Hoffmann, warum brauchen wir eine Transformation der Landwirtschaft, wenn wir unsere Böden retten wollen?

Ulrich Hoffmann: Der Boden ist eine begrenzte Ressource. Wenn wir zukunftsfähig sein wollen, müssen wir ihn schützen – und zwar bald. Denn weltweit ist bereits ein Viertel des landwirtschaftlich genutzten Bodens starken Erosionsprozessen ausgesetzt. Das ist nicht nur ein Umweltproblem, sondern auch eine Frage der Ernährungssicherheit: Der landwirtschaftliche Produktivitätszuwachs ist zurückgegangen und hat sich in den letzten drei Jahrzehnten von etwa drei Prozent jährlich auf kaum mehr als ein Prozent abgeschwächt.

Wir brauchen keine externen Inputs und industriellen Produktionsmethoden im gegenwärtigen Ausmaß, sondern müssen die Bodenqualität und Bodenfruchtbarkeit erhöhen. Dabei spielt ein vernünftiger Kompromiss zwischen Produktivität, Produktionsstrukturen, ökologischer Regenerationsfähigkeit und nachhaltigen Verbrauchsmustern eine entscheidende Rolle. Statt zentraler Intensivlandwirtschaft brauchen wir lokal und regional geschlossene Nährstoffkreisläufe. Diese sollten mit lokal verfügbarer erneuerbarer Bioenergie in angemessenem Maßstab kombiniert werden. Das ist nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein ökonomisches Erfolgsmodell. Nicht zu vergessen ist auch, dass stabile Bodeneigentums- und -nutzungsrechte eine zentrale Rolle in der Agrarpolitik spielen.

Welche Folgen hat die konventionelle Bewirtschaftung der Böden?

In der Landwirtschaft entwickelt sich gerade eine ernsthafte Umweltkrise. Die globalen Grenzen für Stickstoffkontamination und Biodiversitätsverlust sind zum Beispiel schon überschritten. Die enorme Spezialisierung und der Kostendruck in der industriellen Landwirtschaft führen zum Anbau von Monokulturen und einem hohen Einsatz agrochemischer Düngung.

Obwohl sich zum Beispiel in den letzten vier Jahrzehnten der Einsatz von Kunstdünger mengenmäßig in etwa verfünffacht hat, haben sich die weltweiten Erträge von Getreide nur verdoppelt. Das zeigt: hier wird eine Produktionssteigerung auf Kosten der Böden versucht, die am Ende nicht mal funktioniert. Zudem ist der Ansatz höchst ineffizient bei der Energiebilanz: Man steckt sieben bis zehn Energieeinheiten hinein, um eine Energieeinheit im Produkt zu erzeugen.

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Wir stehen vor einer Agrarumweltkrise, sagt Ulrich Hoffmann. Stickstoffbelastung und Artensterben liegen schon jenseits der globalen Grenzen. (Foto: Bilderheld/Flickr)

Außerdem ist der Boden – neben den Ozeanen – der größte globale Kohlenstoffspeicher: Er hat größere Kapazitäten als die Atmosphäre und die gesamte wachsende Biomasse zusammen. Der Boden spielt damit eine herausragende Rolle für den Klimawandel, aber auch für die Anpassung daran. Indem die industrielle Landwirtschaft den Humusgehalt des Bodens verringert, unterminiert sie die potenziell bedeutende Rolle des Bodens als Kohlenstoffspeicher.

Verteidiger der industriellen Anbaumethoden würden sagen: Bisher hat das unseren Böden nicht sichtbar geschadet. Wie misst man den ökonomischen Langzeitnutzen von alternativen Anbaumethoden?

Der sichtbarste Unterschied in Bodenqualität und Fruchtbarkeit wird deutlich, wenn man mit dem Spaten eine Bodenprobe nimmt. Der Boden im ökologischen Landbau hat in der Regel einen höheren Humus- und damit Kohlenstoff-Gehalt, er ist Lebensraum von Millionen von Würmern und Kleinstlebewesen, die mit ihren biologischen Prozessen die Bodenfruchtbarkeit erhöhen sowie den Boden auflockern und damit sehr wasseraufnahmefähig machen. Formt man biologisch und konventionell genutzten Boden jeweils zu einer Kugel und taucht diese in Wasser, dann verliert die Kugel mit konventionell genutztem Boden schon nach wenigen Minuten ihre Form, während die mit ökologischem Bodenmaterial auch nach über zehn Minuten ihre Form im Wesentlichen noch behält.

Was macht die ökologische Landwirtschaft anders?

Ökologische Produktionsmethoden verzichten mit wenigen Ausnahmen auf externe Inputs, vor allem auf chemische Düngemittel, Agrochemikalien und genveränderte Pflanzen. Ökologische Produktion bewahrt ein Gleichgewicht zwischen der Produktivität und der Regeneration natürlicher Ressourcen. Sie verfolgt einen präventiven Ansatz der Problemvermeidung durch Fruchtfolge, integrierte Feld- und Viehwirtschaft sowie geschlossene Nährstoffkreisläufe. Darüber hinaus ist die ökologische Produktion stark auf den lokalen und regionalen Raum ausgerichtet. Das stärkt den ländlichen Raum und die Menschen vor Ort und nicht einzelne Großkonzerne.

Kommen uns die ausgelaugten Böden der Intensivlandwirtschaft irgendwann einmal teuer zu stehen?

Das Tempo des Produktivitätszuwachses in der globalen Landwirtschaft hat sich schon deutlich abgeschwächt. Mit zunehmendem Klimawandel – also extremeren Temperaturen, Niederschlägen und Windgeschwindigkeiten – rückt das Thema Anpassungsfähigkeit und Flexibilität in der Landwirtschaft ins Zentrum des Handelns. Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO und des Umweltprogramms der Vereinten Nationen UNEP ist durch geringe Bodenqualität und Bodenerosion mit einem Rückgang der landwirtschaftlichen Erträge von bis zu 50 Prozent in weiten Teilen des subsaharischen Afrika, Süd- und Westasiens sowie Südamerikas bis 2080 zu rechnen. Das ist eine äußerst dramatische Entwicklung, weil sich im selben Zeitraum die Bevölkerung Afrikas etwa verdoppeln wird. Die Gefahr von noch wesentlich größeren Flüchtlingsströmen als heute steigt damit.

Wie gehen die Bauern in den Entwicklungsländern mit der Kommerzialisierung ihrer Böden um?

Der Boden und die Waldgebiete in Entwicklungsländern unterliegen zum größten Teil immer noch gemeinschaftlicher, kommunaler oder staatlicher Nutzung. Seit der Jahrtausendwende hat sich aber die Kommerzialisierung von Boden rasant entwickelt. Weil Eigentumsrechte theoretisch das Interesse erhöhen, in die Bodenqualität zu investieren, führt die Kommerzialisierung zu vielschichtigen Herausforderungen: Historisch entstandene Landnutzungen durch lokale Gemeinschaften und Allmenden werden infrage gestellt. Oft existieren keine Katasterämter. Frauen, die die Masse der Kleinbauern stellen, sind beim Erbrecht vielfach benachteiligt.

Zudem wird Boden immer stärker als Spekulationsobjekt oder für die Exportproduktion eingesetzt und nicht für die lokale Grundnahrungsmittelversorgung. Nach verschiedenen Schätzungen sind weltweit zwischen zehn und 30 Prozent des Ackerlandes von sogenanntem Land Grabbing betroffen.

Im Internationalen Jahr der Böden wird auch über Transformationsstrategien zu einer nachhaltigen Bewirtschaftung diskutiert. Gibt es dafür schon heute Vorbilder oder besonders positive Beispiele?

Die Agrarwende bekommt seit einigen Jahren immer mehr Aufmerksamkeit. Die Partei der Grünen hat jüngst diese Frage sogar zu einem Schwerpunkt ihres zukünftigen Arbeitsprogramms und des politischen Diskurses gemacht.

In der EU ist das Thema ebenfalls angekommen: Auch wenn die Ergebnisse bei der jüngsten Agrarreform nur halbherzig waren, wurden doch wichtige Aspekte in der Beschlussrunde zur Weiterentwicklung der Gemeinsamen Agrarpolitik bis 2020 detailliert und heftig debattiert.

Der schnell voranschreitende Klimawandel befeuert zudem die Diskussion um eine anpassungsfähige und tatsächlich nachhaltige Landwirtschaft. Die von der industriellen Landwirtschaft verursachten erheblichen ökologischen Probleme, aber auch die Gefahren für die Gesundheit haben bereits dazu geführt, dass der Einsatz von Agrarchemie, fossiler Energie und Antibiotika begrenzt wird.

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Der Biogasboom treibt die Kommerzialisierung der Böden weiter voran. (Foto: Eva Mahnke)

Die regionale Herkunft von Produkten und der Beitrag der Landwirtschaft zur Kulturlandverbesserung und zum Landschaftsschutz werden von Konsumenten immer stärker eingefordert – und auch honoriert. Regionale Bio-Erzeugergruppen wie die Regionalwert AG im Umland von Freiburg im Breisgau haben darauf ihr Erfolgsmodell aufgebaut. Fragen des Tierwohls und die Risiken von industrieller Massentierhaltung werden in der breiten Öffentlichkeit fast täglich diskutiert.

Obwohl die vom Biogasboom verursachten Bodenpreiserhöhungen sehr problematisch sind, nimmt die Biolandwirtschaft an Umfang ständig zu. Heute expandiert sogar bei Discountern die Bioregalfläche kontinuierlich.

Was fehlt noch für eine echte Transformation?

Das große Manko ist die fehlende politische Strategie und der Wille, die Reformansätze in ein schlüssiges politisches Paket zusammenzuführen – für eine Transformation in eine tatsächlich nachhaltige Landwirtschaft. Dabei muss nicht nur ein schlüssiges Konzept für die Vergütung der von tatsächlich nachhaltiger Landwirtschaft erbrachten gesellschaftlichen Güter und Dienstleistungen her, sondern es müssen auch die von konventionellen Produktionsmethoden verursachten Schäden als Kosten ausgewiesen werden: in Form von Steuern und Abgaben. Wir müssen uns fragen: "Wie teuer kommen uns billige Lebensmittel?"

Über die Produktion hinaus sind nachhaltige Nahrungsmittelsysteme einschließlich der Verarbeitung und des Handels zu schaffen. Und letzten Endes geht es auch um ein Umdenken im Konsum. Da kann jeder bei sich selbst anfangen.

Interview: Susanne Götze