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Heft 6: Boden

Böden sind die Grundlage des Lebens. Sie ernähren die Pflanzen, reinigen das Wasser und regulieren das Klima. Ein Viertel der globalen Landoberfläche haben wir bereits zerstört, jede Minute kommen 30 Fußballfelder hinzu.
Das Heft als PDF (8,6 MB) – Juni 2015

Heft 6: Boden

Warum der Boden ein Stiefkind der Politik ist

Es gehört zu den schwersten Mängeln der Umweltpolitik, dass der Boden anders als Wasser und Luft nicht durch ein wirkungsvolles Gesetz geschützt ist. Obwohl die Europäische Bodencharta schon 1972 feststellte, dass der Boden zu den wertvollsten Gütern der Menschheit zählt, ist er rechtlich weitgehend schutzlos der Vernichtung ausgeliefert.

Text: Hubert Weiger

Im Naturhaushalt ist der Boden ein ebenso wichtiges Lebenselement wie das Wasser oder die Luft. Der Umgang mit dem Boden wird diesem Umstand noch immer nicht gerecht: Flächenfraß, Schadstoffeintrag, Erosion und Verdichtung sorgen dafür, dass Mensch und Natur regelrecht den Boden unter den Füßen verlieren. Der Boden als der belebte oberste Teil der Erdkruste ist mit wenigen Dezimetern Tiefe nicht nur ein unvermehrbares, sondern auch ein leicht zerstörbares Naturgut. Die Geschichte der Menschheit zeigt eindrucksvoll, dass der Aufstieg und Niedergang von Kulturen vom Umgang mit den äußersten dreißig Zentimetern humusreicher Muttererde mitentschieden wurde.

Bedrohtes Lebenselement

Eine Hauptgefahr für den Boden ist der Eintrag von Schadstoffen, vor allem durch Schwermetalle und andere Stoffe, die in der Umwelt nicht oder nur schwer abbaubar sind, aber auch durch Stickstoff in Folge von Überdüngung oder durch Pestizide. Nicht weniger gefährlich sind Bodenabtrag und Bodenverdichtung sowie der Verbrauch des Bodens durch Siedlungen, Industrie und Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen.

Keine dieser zentralen Gefährdungen der Böden wurde bis heute beseitigt – ganz im Gegenteil. Es wird beispielsweise immer noch zu viel Land für Wohnen, Gewerbe und Verkehr beansprucht. Deutschland hat bereits 13,5 Prozent seiner Fläche bebaut. In Zeiten der Hochkonjunktur verbrauchte Deutschland 130 Hektar pro Tag. Derzeit sind es etwa 74 Hektar. Das Ziel der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung, bis 2020 nicht mehr als 30 Hektar täglich zu bebauen, wird voraussichtlich deutlich verfehlt.

Gesetzlicher Schutz: Fehlanzeige

Es gehört zu den schwerwiegendsten Mängeln der Umweltpolitik der zurückliegenden Jahrzehnte, dass der Boden im Gegensatz zu den Umweltgütern Wasser und Luft nicht durch ein wirkungsvolles Gesetz geschützt ist. Obwohl der Europarat schon 1972 in der Europäischen Bodencharta feststellte, dass der Boden zu den wertvollsten Gütern der Menschheit zählt und obwohl der Umweltverband BUND 1983 ein umfassendes Bodenschutzprogramm vorlegte, ist der Boden bis heute rechtlich weitgehend schutzlos der Vernichtung ausgeliefert.

Das Bundes-Bodenschutzgesetz von 1998 und die dazugehörige Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung von 1999 bilden zwar eine maßgebende Grundlage, gesetzlich geregelt wurde für die Böden aber fast ausschließlich das Gefahrenabwehrrecht im Rahmen der Altlastenbearbeitung. Für viele Sachverhalte rund um das Problemfeld Boden findet das Bodenschutzgesetz keine Anwendung.

Auf europäischer Ebene wird eine Bodenrahmenrichtlinie nach dem Vorbild der Wasserrahmenrichtlinie seit Langem angestrebt. Die von der Europäischen Kommission am 2006 vorgelegte sogenannte thematische Strategie für den Bodenschutz und der Entwurf der "Richtlinie zur Schaffung eines Ordnungsrahmens für den Bodenschutz" verfolgen das Ziel, das Bodenschutzrecht der 28 EU-Staaten zu harmonisieren. Bisher haben erst neun Mitgliedsstaaten eigenständige gesetzliche Regelungen zum Bodenschutz geschaffen. Die Arbeit an der Bodenrahmenrichtlinie begann übrigens 1998 auf Initiative der damaligen Bundesregierung mit Umweltministerin Angela Merkel. Doch heute blockiert eine Minderheit von Mitgliedsstaaten die Bodenschutz- Richtlinie – ausgerechnet unter Federführung Deutschlands. Angesichts der weltweiten Degradation der Böden sollte Deutschland jedoch die Initiative für eine Weltbodenkonvention wieder aufgreifen.

Fehlendes Bodenbewusstsein hat Ursachen

Das Bewusstsein für den Wert der Böden ist in unserer Gesellschaft aus verschiedenen Gründen sehr gering ausgebildet. So sind heute weniger als 1,5 Prozent der Bevölkerung im land- und forstwirtschaftlichen Bereich tätig. Für immer weniger Menschen stellt der Boden die unmittelbare Lebensgrundlage dar, so dass vielen der konkrete, persönliche Bezug zum Boden, der direkte Zugang zur Bodennutzung und zu Erfahrungen im Umgang mit Böden fehlen. Eine Ausnahme stellen Gärten dar, aber die werden in der Regel eher als Ziergarten genutzt und nicht vorwiegend für den Anbau von Obst und Gemüse.

In unserer Überflussgesellschaft sind durch einen weltweiten Import alle Lebensmittel fast unabhängig von der Jahreszeit jederzeit verfügbar, und das meist zu billigsten Preisen. Dies führt zu einer Entkopplung der eigenen Nahrung von unseren Böden. Land und forstwirtschaftliche Böden haben ökonomisch einen relativ geringen Wert. Ihr Wert nimmt erst dann massiv zu, wenn die Böden überbaut werden. Das führt zu der absurden Situation, dass intakter Boden einen geringeren Wert hat als zerstörter Boden. Dadurch sind viele Besitzer und Erben von landwirtschaftlichen Betrieben nicht mehr die Erhalter der Böden, sondern haben sich in die Verwerter der Erbschaft verwandelt. Auch die ursprünglichen Eigentümer spekulieren also häufig eher mit dem Boden, als ihn zu erhalten.

Eine positive Ausnahme stellt der Wald dar: Viele Erben von Wald behalten ihn aus unterschiedlichen Gründen, so dass eine Generation von "urbanen Waldbesitzern" entstanden ist, die zwar oft wenig Bezug zum Wald und seiner Bewirtschaftung hat, die ihn aber auch nicht verkaufen.

Landnutzer sind oft auch deshalb nicht mehr die Erhalter der Böden, weil die forst- und agrarpolitischen Fehlentwicklungen der "Wachse oder weiche"-Politik sie zwingen, die Prozesse, die zu immer höheren Belastungen der Böden führen, wider besseres Wissen zu akzeptieren. Ein Beispiel im Forstbereich ist der Rückegassenabstand von 20 bis 30 Metern, der zu einem Verlust von bis zu 20 Prozent der mit Wald bestockten Böden führt. Über die zum Holztransport angelegten Rückegassen beschleunigt sich dann bei Starkniederschlägen der Abfluss aus den Hanglagen und damit die Erosion, was in der Waldnutzung viel zu wenig thematisiert und kritisiert wird. Ähnliche Beispiele aus der Landwirtschaft sind der zunehmende Einsatz von schweren Maschinen, Düngemitteln und Pestiziden sowie der zunehmende Maisanbau.

Auch in der land- und forstwirtschaftlichen Ausbildung spielt das Bodenleben nur eine nachgeordnete Rolle. Der Boden wird kaum als ein dynamisches System mit Leben vermittelt, sondern – einem mechanistischen Weltbild folgend – nur als Stützsubstrat für Pflanzen. Der Land- oder Forstwirt soll dann in Abhängigkeit von der Nährstoffversorgung Wasser oder Nährstoffe zu- oder abführen, bei unerwünschter Bodenstruktur bestimmte Geräte einsetzen oder bei unerwünschten Beipflanzen Glyphosat spritzen, das als Totalherbizid alles pflanzliche Leben auf und in den Böden abtötet.

Bodenvernichtung sieht man kaum

Ein grundsätzliches Problem ist, dass Schäden, die wir dem Boden zufügen, nicht offensichtlich und nicht spektakulär sind. Wasserund Winderosion sind schleichende Prozesse. Wenige Millimeter Bodenabtrag, der sich auf großen Flächen schnell zu Tonnen summieren kann, nehmen selbst Landnutzer selten wahr. Fischer klagen vielleicht über ausbleibende Kieslaicher und Kommunen über verstopfte Abflussgräben, aber die breite Öffentlichkeit wird erst dann sensibilisiert, wenn spektakuläre Sandstürme in Norddeutschland auftreten oder sich wie 2013 gelbe Hochwasserfluten durch die Donauauen wälzen.

Ebenso vollzieht sich der gewaltige Landverbrauch im Regelfall nicht spektakulär, sondern auf viele Standorte im Land verteilt, so dass er in der Regel nicht einmal zur Kenntnis genommen wird. Erst beim Betrachten alter Landschaftsfotografien oder beim Besuch von Gebieten, in denen man mehrere Jahre nicht mehr war, wird einem persönlich bewusst, wie viel fruchtbarer Boden in kurzer Zeit irreparabel zerstört wurde.

Noch weniger sichtbar ist, was unter der Erdoberfläche geschieht, und damit ist es auch viel weniger in unserem Bewusstsein als verschmutzte Luft oder verschmutztes Wasser mit toten Tieren. Bodenleben ist ein verborgenes Stück Natur, mit dem wir scheinbar nur indirekt über die Nahrungsmittelerzeugung etwas zu tun haben. Schließlich ist die Beschäftigung mit Böden in unserer Kultur nicht hoch angesehen. Schmutzige Hände gelten als Zeichen von Rückständigkeit. Boden wird meist als Dreck verstanden, angefangen beim unmittelbaren Kontakt von Kindern mit der Erde. Es widerspricht unserem Sauberkeitsprinzip. Die Umweltbildung hat deshalb eine Hauptrolle, wenn es darum geht, das Bewusstsein zu wecken. Das trifft besonders für Schulgärten zu, die nicht nur Schulbiotope sein sollen. Alle Kinder sollten hier direkten Zugang zu Boden bekommen und durch die Bewirtschaftung von Böden auf einer kleinen Fläche Verantwortung übernehmen.

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Ob naturbelassen, gepflastert oder betoniert: Was unter der Erdoberfläche ist, sieht man nicht. Umso schwerer hat es Bodenschutzpolitik. (Foto: Akaio PB/Flickr)

Hubert Weiger ist Professor für Naturschutz und nachhaltige Landnutzung und Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)