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Heft 6: Boden

Böden sind die Grundlage des Lebens. Sie ernähren die Pflanzen, reinigen das Wasser und regulieren das Klima. Ein Viertel der globalen Landoberfläche haben wir bereits zerstört, jede Minute kommen 30 Fußballfelder hinzu.
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Heft 6: Boden

Editorial

Die für uns lebensnotwendigen Bodenfunktionen wurden bisher als gegeben und unerschöpflich vorausgesetzt. Dabei gibt es viele gute Gründe für Bodenschutz. Politisch hat er es aber schwer im ministeriellen Gerangel. Und wenn es um Land geht, wirken gewichtige Eigentumsinteressen.

Text: Martin Held, Gesprächskreis Die Transformateure,
und Christine von Weizsäcker, Ecoropa

Man könnte meinen, mit den Böden und dem Umgang mit Land sei alles auf gutem Wege: Es gibt den Earth Day und die Soil Week, und das Jahr 2015 wurde von den Vereinten Nationen als Jahr der Böden ausgerufen.

Die Erkenntnis ist gewachsen, dass nichtnachhaltiger Umgang mit Böden und schlechtes Landmanagement zu den wichtigsten Ursachen des Klimawandels gehören. Garten-, Acker-, Wald-, Grasland-, Sumpf- und Gewässerböden speichern mehr CO2 als die oberirdisch sichtbaren Pflanzenteile. In Jahrhunderten gewachsene Humusschichten mit ihren großartigen vernetzten Lebensgemeinschaften von Wurzelwerk und Bodenorganismen sind ein zentraler Teil des globalen Kohlenstoffkreislaufs und moderieren das Weltklima.

Biologische Vielfalt ist unsere Lebensversicherung in Zeiten des Wandels. Doch weder ihr dramatischer Rückgang noch die Bedingungen ihrer Erhaltung sind ohne die Bodenökologie zu verstehen. Die Leistungen der vielfältigen, standortangepassten Boden-Ökosysteme für die Menschen sind unersetzlich. Der Rückgang der Bodenfruchtbarkeit in Kombination mit dem Klimawandel gefährdet die Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung mit ausreichender und gesunder Nahrung. Böden sind wesentlich für den globalen Wasserkreislauf. Sie speichern Wasser und schützen sowohl vor Überflutung als auch vor Trockenheit. Sie filtern eingetragene Schadstoffe und bereiten Wasser zu gutem Trinkwasser auf. Ernährungssicherung wirkt vorbeugend gegen Konflikte und schützt den Frieden.

Boden gut machen

Es gibt also viele gute Gründe dafür, dass sich die Völkergemeinschaft dem Thema Bodenschutz stellt: bei den Beschlüssen, die beim Treffen der G7 im Juni in Elmau gefasst werden; bei der Verabschiedung der Ziele für nachhaltige Entwicklung, die bei der UN-Generalversammlung im September auf der Tagesordnung steht; bei der Pariser Weltklimakonferenz im Dezember; bei der Weltbiodiversitätskonferenz in Mexiko 2016; bei allen internationalen Ernährungskonferenzen.

Für Böden wurde bisher nicht genug getan. Im Gegenteil. Sie wurden und werden versiegelt, verdichtet, versalzen, vergiftet, erodiert. Die für uns lebensnotwendigen Bodenfunktionen wurden als gegeben und unerschöpflich vorausgesetzt. Für viele Menschen sind Böden der "letzte Dreck". Böden erinnern an das stete Werden und Vergehen des irdischen Lebens, an "Beerdigungen". Doch wir sind in der Tat Kinder der Erde. Homo sapiens hat die gleiche Sprachwurzel wie humus. Kultur entstand aus der agricultura und der horticultura, aus Acker- und Gartenbau.

Politisch hat es der Bodenschutz schwer, weil er geologisch, biologisch und kulturell vielfältig und sowohl von globaler Bedeutung als auch lokal verortet ist. Der Vorteil einer schlüssigen gemeinsamen Nachhaltigkeitsaufgabe kann sich zum Nachteil wandeln, wenn das Thema im ministeriellen Gerangel für jeden nur nachgeordnete Bedeutung hat. Eine Konvention zum nachhaltigen Umgang mit Böden gibt es nicht.

Wenn es um Land geht, wirken immer schwergewichtige Eigentumsinteressen. Im Wall Street Journal stand zu Beginn dieses Jahrtausends, dass fruchtbare Böden mit Bewässerungsmöglichkeiten oder Naturberegnung eine knappe Ressource sind und profitable Investitionsmöglichkeiten bieten. Dementsprechend waren zunehmende Investitonen in Land bis hin zu "Land Grabbing" kein Zufall. Tatsächlich geht es im Gegenteil darum, geeignete Rahmenbedingungen zum Schutz der Böden und für nachhaltiges Landmanagement zu schaffen – mit Chancen für die lokale Landbevölkerung.

Die bodenlose Kurzfristigkeit muss ein Ende haben. Bodenschutz kann ein Beispiel sein, um die gemeinsamen Aufgaben und zu überwindenden Schwierigkeiten paradigmatisch sichtbar zu machen, die es für die anstehende Große Transformation in Richtung einer nachhaltigen, gerechten, postfossilen Entwicklung gibt.

Maret Hosemann flickr.com
Böden wurden und werden versiegelt, verdichtet, versalzen, vergiftet und erodiert. (Foto: Maret Hosemann/Flickr)

Martin Held ist Koordinator des Gesprächskreises Die Transformateure. Die Biologin Christine von Weizsäcker ist Präsidentin von Ecoropa, einem europäischen Netzwerk für ökologisches Denken und Handeln