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Heft 4: Anthropozän

Die Veränderungen des Erdsystems durch den Menschen haben ein Ausmaß erreicht, bei dem plötzliche Veränderungen der Umwelt immer häufiger auftreten. Wir leben im "Menschenzeitalter", im Anthropozän.
Das Heft als PDF (5,5 MB) – Februar 2015

Heft 4: Anthropozän

"Wir sind nicht die Letzten auf der Erde"

BildIm Januar gründete Kai Niebert in Davos mit Kolleginnen und Kollegen aus der Schweiz, Ghana und Deutschland das "Anthropocene Learning Lab", kurz ALL. Dabei ging es um nicht weniger als die Zukunft des Globus, auf dem jetzt das Anthropozän angebrochen ist.

 
Herr Niebert, seit Kurzem gibt es das "Anthropocene Learning Lab". Was muss man sich darunter vorstellen?

Kai Niebert: Die Geschichte der Erde währt seit 4,5 Milliarden Jahren und erstmals dominiert jetzt mit uns Menschen eine einzelne Spezies nicht nur auf der gesamten Oberfläche des Planeten, sondern auch tief im Boden. Der Mensch sitzt an der Spitze aller Nahrungsnetze und ist dabei, die Biosphäre grundlegend zu verändern. Führende Wissenschaftler meinen deshalb, dass wir die Warmzeit – das Holozän – hinter uns gelassen haben und nun in der Menschenzeit, im Anthropozän, angekommen sind.

Das gibt uns Menschen eine große Verantwortung und es wird Zeit, das durch Wilhelm von Humboldt formulierte Bildungsideal eines "Weltbürgers" einzulösen. Es gilt, sich mit den großen Menschheitsfragen auseinanderzusetzen: sich um Frieden, Gerechtigkeit und eine andere Beziehung zur Natur zu bemühen.

... was Sie mit dem "Anthropocene Learning Lab", dem ALL, befördern wollen?

In diesem "Lernlabor" haben sich Bildungsforscher verschiedener Disziplinen zusammengeschlossen, um herauszufinden, wie wir die Herausforderungen des Anthropozäns vermitteln können. Immer wieder wird Bildung als der zentrale Schlüssel zu einer nachhaltigen Gesellschaft bezeichnet. Dazu wollen wir ganz konkrete Vorgehensweisen vermitteln: Wie kann ich den Klimawandel, die Energiewende, die gesellschaftliche Transformation verstehbar und umsetzbar machen? Uns geht es nicht nur darum, herauszufinden, warum Menschen die Dinge verstehen oder nicht verstehen, sondern auch, wie sie diese besser verstehen können. Wenn man so will, sind wir Wissenschaftler und Ingenieure zugleich.

In Ihrem "Lab" – wer soll da von wem lernen: die Erde mit den Menschen zu leben oder die Menschen mit ihrem Planeten?

Der Mensch hat die Erde verändert – im Guten wie im Schlechten. Die Veränderung des Erdsystems durch den Menschen hat nun aber ein Ausmaß erreicht, bei dem plötzliche globale Veränderungen der Umwelt nicht mehr auszuschließen sind. Johan Rockström, der Direktor des Stockholm Resilience Centre, hat klar gezeigt, dass wir innerhalb bestimmter der Grenzen des Planeten agieren müssen, um weiter sicher leben zu können. In drei Bereichen – beim Klimawandel, beim Einsatz von Stickstoffdünger und beim Artensterben – haben wir die Grenzen schon überschritten.

Aus verschiedenen Studien wissen wir, dass wir Menschen große Schwierigkeiten haben, Veränderungen des Erdsystems zu verstehen. So glauben viele, es reiche, die steigenden CO2-Emissionen zu verringern, um den Klimawandel zu bremsen. Das ist aber falsch: Nur wenn wir es schaffen, die Emissionen und die Bindung des emittierten CO2 auf das gleiche Level zu bringen, werden wir den Klimawandel abwenden können. Strategien, um die Menschen dabei zu unterstützen, wollen wir im ALL entwickeln.

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Der Mensch hat das Gesicht der Erde erheblich verändert – zum Beispiel mit der Ranger-Uranmine in Australien. (Foto: Alberto Otero García/Wikimedia Commons)

Alle Forscherinnen und Forscher bei uns haben einen Hintergrund in den Naturwissenschaften und in den Bildungswissenschaften. Jeder, der im ALL mitarbeitet, ist die Interdisziplinarität in Person. Das ist in der Bildungslandschaft nach wie vor ein Novum, aber notwendig. Das Anthropozän macht nicht an den Grenzen einer wissenschaftlichen Disziplin halt.

Bis dato hat die Wissenschaft Beginn und Ende von Erdzeitaltern aus Gesteinen und Fossilien abgelesen – nun wären wir erstmals "live" dabei. Macht das einen Unterschied?

Ja – wir sind eben live dabei. Aber im Gegensatz zu einem Konzert sind wir keine Zuschauer, sondern Akteure des Wandels. Wollen wir das Anthropozän zu einem Zeitalter des guten Lebens machen, brauchen wir eine anthropozäne Governance, die die Transformation in ein nachhaltiges Wirtschaften ermöglicht. Oder wie Christian Schwägerl es fordert: Individuen und Gesellschaft sollten sich nicht so benehmen, als seien sie die letzten auf dem Planeten. Hier setzen wir an: Wir können wir das Bewusstsein für eine demokratisch legitimierte Transformation schärfen?

Manche Experten datieren den Beginn des Anthropozäns auf den Abwurf der ersten Atombombe im Sommer 1945. Was meinen Sie?

Die Bewertung der Atomenergie ist tatsächlich grundlegend, um Frage zu beantworten, wann das Anthropozän begonnen hat. Dann wäre aber vielleicht der 17. Dezember 1938 der Übergang in die neue Epoche. Damals gelang die erste Atomkernspaltung durch ein Experiment von Otto Hahn und Fritz Straßmann in Berlin. Die sich seither durch Atomwaffen, besonders aber durch die Atomenergie aufhäufenden Tausende von Tonnen Atommüll werden den Planeten noch Jahrmillionen belasten – auch wenn der Klimawandel längst Geschichte ist. Es sieht also so aus, als würde das Anthropozän eine sehr lange Zeit andauern.

Hat sich die Menschheit nicht schon lange als Veränderer des Planeten betätigt? Weit vor der Industrialisierung wurden die großen Buchenwälder Europas bis auf kümmerliche Reste abgeholzt. Wo ist der Unterschied?

Natürlich prägt jedes Lebewesen seine Umwelt. Als erste sauerstoffproduzierende Bakterien den Planeten vor rund 2,7 Milliarden Jahren besiedelten, ließen sie langsam den Sauerstoffgehalt steigen. Oder nehmen wir die Entwicklung stickstoffbindender Organismen oder die Besiedlung der Landfläche durch Pflanzen vor 500 Millionen Jahren. Im Laufe von Jahrmillionen haben diese Organismen das Gesicht der Erde verändert. Wir Menschen tun das seit der Bronzezeit.

Die deutlichsten Veränderungen im globalen Maßstab gab es jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg: Bevölkerungszahlen, Straßenkilometer, Energie- und Wasserverbrauch explodierten mit einem Mal – gleichzeitig nahmen auch die Verschmutzung der Atmosphäre, die Versauerung der Meere und der Verlust artenreicher Landschaften zu. In wenigen Generationen ist die Natur in einen neuen, der Menschheitsgeschichte unbekannten Zustand getreten: die Menschenzeit.

Wenn wir jetzt anerkennen, dass der Mensch zum Geoingenieur geworden ist, dann stärkt das doch auch die Position derjenigen, die sagen: Lasst uns lieber die Deiche höher bauen oder unsere Städte aufs Meer verlegen statt die Klimakatastrophe durch Reduktion und eine nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweise zu bekämpfen. Wäre das nicht kontraproduktiv für den ökologischen und sozialen Wandel?

Bei Krebs einfach die Dosis an Morphium zu erhöhen, damit die Schmerzen nicht zunehmen, hat noch keine Krankheit geheilt. Als Paul Crutzen 2002 den Begriff des Anthropozäns geprägt hat, hat er mit einem Schlag das Gegenüber von Mensch und Natur aufgelöst. Es geht mehr als um ein neues Modewort, das neuen Realitäten eine Art wissenschaftliche Legitimation verleiht. Nur wenn wir uns nicht mehr als eine Kraft außerhalb der Natur sehen, sondern als ihr integraler Bestandteil, haben wir eine Chance, ein nachhaltiges Leben zu führen.

Das Anthropozän ist ein sehr wertvolles Konzept. Es fasst – im Gegensatz zum Klimawandel oder zur Globalisierung – die zahllosen rasanten Veränderungen auf der Erde – vom Plastikplankton bis zum Artensterben – zusammen und macht sie verstehbar. Nur wenn wir die Zusammenhänge sehen, kann jeder einzelne die Verantwortung annehmen, die das Anthropozän für uns bedeutet.

Wie sollte Ihrer Meinung nach das Anthropozän gestaltet werden und was kann das ALL dazu beitragen?

Entweder wird das Anthropozän ein Zeitalter des Kampfes um Wohlstand im Kontra zur Natur – oder es wird eines der Nachhaltigkeit, in dem wir uns mit unserer Umwelt und den Ressourcen der Erde arrangieren. Unser Team aus Bildungsforschern, Naturwissenschaftsdidaktikern und Nachhaltigkeitsforschern will dazu einen Beitrag leisten, um die Herausforderungen des Anthropozäns zu meistern. Dabei geht es nicht darum, Bildung so zu gestalten, dass wir jeder Herausforderung gewachsen sind. Vielmehr müssen wir Menschen in die Lage versetzen, mit den Herausforderungen zu wachsen.

Derzeit entwickeln wir zum Beispiel evidenzbasierte – also nachweislich funktionierende – Vermittlungstrategien, um zentrale Stellschrauben wie die Energiewende, den Klimawandel, Rohstoffnutzungen oder auch die gesellschaftliche Transformation besser verstehbar zu machen. Wir wollen damit einen Beitrag leisten, das Anthropozän zu einer nachhaltigen Erdzeit werden zu lassen.

Kai Niebert lehrt an den Universitäten Zürich und Lüneburg zur Verknüpfung und Vermittlung von Natur­wissen­schaften und Nachhaltigkeit. Als stellvertretender Bundesvorsitzender der Naturfreunde und Präsidiumsmitglied des Deutschen Naturschutzrings engagiert er sich für Nachhaltigkeit in Europa.

Interview: Jörg Staude