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Heft 4: Anthropozän

Die Veränderungen des Erdsystems durch den Menschen haben ein Ausmaß erreicht, bei dem plötzliche Veränderungen der Umwelt immer häufiger auftreten. Wir leben im "Menschenzeitalter", im Anthropozän.
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Heft 4: Anthropozän

Verborgene Erdschichten deuten

Von Los Angeles über Berlin nach Shanghai – mit Installationen, Interviews und Fotografien hinterfragen Künstler die Denkweisen des Anthropozäns. Zwar wird immer mehr Wissen über das Klima und die Erde angehäuft, doch die fossilen Ressourcen werden trotzdem weiter ausgebeutet.

Text: Sandra Kirchner

Felsbrocken, weite Wüstenlandschaften, monotone Bebauung. Dazwischen immer wieder Bilder von zerklüftetem Gestein und Rissen in Beton, allesamt entstanden in Kalifornien. In der audiovisuellen Installation "Medium Earth", die im vergangenen Jahr in Los Angeles und Berlin zu sehen war, versuchte das Künstlerduo Otolith Group die verborgenen Erdschichten unter der Oberfläche optisch zu deuten. Doch das Londoner Kollektiv geht über die Ästhetisierung der Gesteinsformationen hinaus.

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Menschen greifen heute stärker in die Geologie der Erde ein als Naturgewalten – und sie denken nicht einmal darüber nach. Aus der Installation "Medium Earth". (Foto: Otolith Group)

"Spätestens im 21. Jahrhundert setzt die Geologisierung der Gesellschaft ein", sagt Kodwo Eshun, Mitglied der Otolith Group. Seither entfaltet der Mensch Mächte, die stärker sind als die Erdkräfte der vergangenen Zeitalter. Mittlerweile bewegen Menschen weitaus mehr Sedimente, als alle Flüsse der Welt transportieren: ein gewaltiger Eingriff in die geologischen Prozesse auf der Erde. Der Mensch beeinflusst sogar das Klima, indem er die fossilen Ressourcen verbrennt. Mit dramatischen Folgen: Die Gletscher an den Polkappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt, die Ozeane versauern. Kein anderes Lebewesen hat die Erde und ihre Hülle stärker verändert als Homo sapiens. Die meisten Folgen und Begleiterscheinungen dieser Entwicklung sind noch unbekannt.

Der Berliner Kurator im Haus der Kulturen der Welt, Anselm Franke, glaubt, dass der Mensch mit den herkömmlichen Methoden der Natur- und Geisteswissenschaften die Herausforderungen des Anthropozäns nicht bewältigen kann. Gemeinsam mit dem Fotografen Armin Linke, den Architekten John Palmesino und Ann-Sofi Rönnskog reiste er zwei Jahre um die Welt, um an die 50 Institutionen wie das Deutsche Klimarechenzentrum, die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, die Energiebörse ICE Futures oder das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zu besuchen. Entstanden sind unterschiedlich lange Interviews mit Vertretern der Organisationen, die in Filmschleifen aneinandergereiht und auf mehreren Leinwänden gezeigt wurden. "Wir wollten die Frage aufwerfen, ob wir die richtigen Institutionen haben, um dem Klimawandel zu begegnen", sagt Franke über das Anthropocene Observatory.

Kunst kann alte Denkmuster überwinden helfen

Beim Betrachten wird dem Besucher vor allem die Vereinzelung der Disziplinen deutlich: Ein Nebeneinander von Akteuren, das den Klimawandel in all seinen Ausmaßen weder fassen noch ihm entgegenwirken kann. Zwar wird immer mehr Wissen über das Klima und die Erde angehäuft, doch die fossilen Ressourcen werden trotzdem weiter ausgebeutet.

Was folgt daraus? Der Mensch muss seine Konzepte über die Welt, über Natur und Kultur auf ihre Sinnhaftigkeit hinterfragen. Dabei kann Kunst helfen, tradierte Weltbilder und Denkmuster ins Wanken zu bringen und Transformationsprozesse anzustoßen. Antworten vermag zwar auch die Kunst allein nicht zu liefern, aber sie kann den gesellschaftlichen Diskurs mit ungewöhnlichen Zugängen bereichern.

Derzeit ist Franke, der als Kurator allgemeine Fragen anders beantworten will, mitverantwortlich für die Shanghai-Biennale, die noch bis Ende März läuft. Eingeladen ist der Künstler Adam Avikainen, den Franke schon aus Berlin kennt. In Shanghai zeigt Avikainen japanische Strohpuppen, die ihren ursprünglichen kultischen Zweck nicht mehr erfüllen. Stattdessen sollen die menschenähnlichen Puppen nun die Abwesenheit der jungen Generation symbolisieren.

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Was kann Kunst bewirken, wenn die Realität nur noch künstlich ist? Luftaufnahme von Los Angeles. (Foto: Tuxyso/Wikimedia Commons)

Während ganze Landstriche verwaisen, werden andere Regionen von riesigen Städten zerfurcht oder für die Produktion unserer Waren ausgebeutet. Um diese Prozesse zu beurteilen und sie zu gestalten, brauchen wir unterschiedliche Akteure und frische Sichtweisen.