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Heft 4: Anthropozän

Die Veränderungen des Erdsystems durch den Menschen haben ein Ausmaß erreicht, bei dem plötzliche Veränderungen der Umwelt immer häufiger auftreten. Wir leben im "Menschenzeitalter", im Anthropozän.
Das Heft als PDF (5,5 MB) – Februar 2015

Heft 4: Anthropozän

Die Stadt wieder für die Menschen entdecken

Paris, Zürich, Berlin, Barcelona – eine urbane Bewegung will anders arbeiten und konsumieren. Wie Bewohner mit Gemeinschaftsgärten und offenen Werkstätten ein neues soziales Modell der Stadt entwickeln – selbstorganisiert und eigeninitiativ.

Text: Jörg Sommer

Die frischesten Tomaten von ganz Paris wachsen auf der Seine. Die "Peniche India Tango" liegt fest am Kai vertäut, nur wenige Schritte vom Louvre im Herzen der französischen Großstadt. Hanh Hà lebt hier gemeinsam mit ihrem Partner, dem französischen Umweltaktivisten und Fernsehmoderator Gérard Feldzer. Hanh ist Gründerin und Vorsitzende von Zebunet, einer Mikrokreditinitiative, die in Vietnam, Madagaskar und anderen Ländern Zebus, Schweine Hühner und Ziegen für Kleinbauern finanziert.

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Das Dach der "Peniche India Tango" auf der Seine wurde zur Anbaufläche umfunktioniert. Inzwischen wachsen darauf Tomaten und Auberginen. (Foto: Kao Architecture)

Stundenlang haben wir unter Deck in der gemütlichen Kombüse über ihre Organisation und ihre Pläne gesprochen, aber bevor es dunkel wird, möchte Hanh mir unbedingt noch etwas zeigen. Sie führt mich auf das schmale Dach des Steuerhauses. Ein großes Ausflugsboot zieht vorbei, das Hausboot schwankt mächtig. Kurz habe ich Sorge, ins Wasser zu stürzen, doch dann stehen wir oben – inmitten eines winzigen, über und über quellenden Gartens.

Ich sehe Tomaten, Zucchini, Auberginen, Beeren, sogar ein munter schwirrendes Bienenvolk – und ich sehe ein Leuchten in den Augen der Gärtnerin, das selbst ihre Begeisterung für die Projekte des von ihr gegründeten Vereins übersteigt.

Urban Gardening heißt die Bewegung, die in Paris, Berlin und anderen Großstädten weltweit immer weitere Anhänger gewinnt. Ob es vier Quadratmeter auf einem wackeligen Boot inmitten der französischen Hauptstadt sind, große Spekulationsbrachen in Berlin-Friedrichshain oder ehemalige Parkplätze in Barcelona, ob kleine Initiativen oder große Gruppen – stets geht es um mehr als nur um günstige Lebensmittel. Selbst machen, selbst gestalten, selbst bestimmen – es geht um neue Formen des urbanen Wirtschaftens.

Gemeinsames Tüfteln im FabLab Zürich

Genau das wollen auch Yves Ebnöther und seine Mitstreiter in der Schweiz. Sie haben das FabLab Zürich gegründet. Eine gemeinnützige offene Werkstatt, die Produktionsmittel und Beratung für Menschen zur Verfügung stellt, die ihre Ideen verwirklichen möchten, denen es dazu aber an Geld, Geräten oder Know-how fehlt.

Im Fablab in der Zürcher Zimmerlistrasse produzieren junge Architekten und Designer Modelle, Schüler färben selbst entwickelte Handyhüllen, Pensionäre bauen 3-D-Drucker, Lehrer bereiten Workshops vor – und das alles oft gleichzeitig und scheinbar wild durcheinander in einem gerade mal 125 Quadratmeter großen Raum. Man sieht sich gegenseitig über die Schulter, hilft sich, tüftelt plötzlich mit an einem ganz anderen Projekt und freut sich gemeinsam über Erfolge. Gemeinnützige Bildungsprojekte partizipieren hier von kommerziellen Produktentwicklungen – und umgekehrt.

Hinter dem Begriff FabLab steht ein Wortspiel: wörtlich steht er für fabrication laboratory – Fabrikations-Labor, er bedeutet aber auch fabulous laboratory, also ein fabulöses Laboratorium. Die Idee wurde ursprünglich am Massachusetts Institute of Technology (MIT) von Neil Gershenfeld entwickelt. Das erste FabLab startete dort im Jahr 2002. Weltweit gibt es bereits über 250 FabLabs, etwa 30 in Deutschland.

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Im FabLab Zürich suchen Stadtbewohner nach selbstorganisierten Auswegen aus der kapitalistischen Wachstumsfalle. (Foto: FabLab Zürich)

Urban Gardening und Fab Labs, zwei Bewegungen, die verschiedener nicht sein könnten. Zwei Bewegungen, die aber eine ähnliche Philosophie verfolgen: Hier sind Stadtbewohner dabei, selbstorganisiert und eigeninitiativ nach lokalen, urbanen Lösungen für die Probleme der kapitalistischen Wachstumsgesellschaft zu suchen – an die sie nicht mehr glauben. Sie tun dies gemeinsam, sie tun dies im urbanen Kontext, sie tun dies mit viel Freude an Kreativität, Kollektivität und im bewussten Widerspruch zu marktgesteuertem Denken und Handeln.

Sind dies Keimzellen einer "Transformation der Urbanität"? Sie könnten es sein – in jedem Fall aber sind es Bewegungen, die immer mehr vor allem junge Menschen ansprechen.