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Heft 4: Anthropozän

Die Veränderungen des Erdsystems durch den Menschen haben ein Ausmaß erreicht, bei dem plötzliche Veränderungen der Umwelt immer häufiger auftreten. Wir leben im "Menschenzeitalter", im Anthropozän.
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Heft 4: Anthropozän

Die Ökonomie des Anthropozäns

Wir brauchen eine Ökonomie, die den Auswirkungen unseres Handelns auf die natürlichen Lebensgrundlagen Rechnung trägt und die Grenzen ihrer Belastbarkeit einhält. Diese Grenzen muss der Staat setzen – mit einer grundlegenden Neuausrichtung der Finanzpolitik. Das erfordert politischen Mut und Durchsetzungsfähigkeit.

Text: Damian Ludewig

Unsere heutige Ökonomie ist eine Ökonomie des Anthropozäns: Wir greifen durch unser Wirtschaften in einem Ausmaß in die Natur ein, dass unser Planet durch uns mehr als durch alle anderen Einflüsse geprägt wird. Dies wird deutlich, wenn man sich etwa vor Augen führt, dass in Deutschland nahezu 100 Prozent der Landschaft durch den Menschen und seine ökonomischen Aktivitäten gestaltet sind: durch Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, Bergbau, Industrie und Gewerbe, Siedlungen und Verkehr. Natur in ursprünglicher Form ist ein Phänomen, das in Deutschland nicht existiert. Wenn wir von "Natur" sprechen, meinen wir meist von Menschen gestaltete Parklandschaften, forstwirtschaftlich genutzte Wälder oder landwirtschaftliche Flächen, nicht Wildnis.

Und obwohl unser Wirtschaften erkennbar große Auswirkungen auf unsere Erde hat, wirtschaften wir noch immer, als hätten wir einen zweiten Planeten im Kofferraum. Dies wird nirgendwo so deutlich, wie wenn man sich die physischen Stoffströme anschaut: Der Materialdurchsatz unserer Ökonomie endet überwiegend als Abfall – physisch gesehen wirtschaften wir also vor allem, um Müll zu produzieren. Von einer wirklichen Kreislaufwirtschaft sind wir weit entfernt.

Wir brauchen eine Ökonomie, die den Auswirkungen unseres Handelns auf die natürlichen Lebensgrundlagen Rechnung trägt, eine Ökonomie für das Anthropozän.

Rechnung tragen ohne Preise?

Allem Reden über Nachhaltigkeit zum Trotz – unsere Wirtschaft ist in weiten Teilen immer noch organisiert, als spiele Natur keine Rolle. Das fängt an mit unserer Wohlstandsmessung. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist naturvergessen. Wenn aber Naturkapital zerstört wird, um Wachstum zu generieren, dann bedeutet das nicht unbedingt eine Steigerung des Wohlstands. Aber auch ein alternativer Indikator zur Wohlstandsmessung – wie ihn die Wachstumsenquete des Bundestages vorgeschlagen hat – ändert vielleicht etwas am oft verengten Blick der Politik auf materielles Wachstum, aber erst einmal wenig am realen Wirtschaften.

Wir werden vermutlich den ökologischen Folgen unseres Handelns erst dann Rechnung tragen, wenn diese auch den Verursachern in Rechnung gestellt werden. Doch heute sagen Preise nicht die ökologische Wahrheit. Im Gegenteil, allein Deutschland leistet sich Jahr für Jahr über 50 Milliarden Euro an umweltschädlichen Subventionen, die nicht nur den Wettbewerb verzerren und den Staatshaushalt belasten, sondern auch noch klima- und energiepolitische Zielsetzungen der Bundesregierung blockieren.

Zudem funktioniert unser Steuersystem nach wie vor so, als sei Arbeit das knappe Gut und natürliche Ressourcen seien in Hülle und Fülle vorhanden. Der Staat finanziert sich zu über zwei Dritteln aus Steuern und Abgaben auf Arbeit. Dagegen stammen gerade einmal fünf Prozent der gesamten Staatseinnahmen aus Umweltsteuern. Das ist so viel wie zuletzt 1998 vor der Ökologischen Steuerreform. Wir belasten also vor allem das, was wir fördern wollen, und belasten kaum das, was wir vermeiden wollen. Unsere Steuern steuern also in die falsche Richtung. Und diese Fehlsteuerung verstärkt sich von alleine. Denn Umweltsteuern werden als Mengensteuern automatisch durch die Inflation entwertet.

Dies rückt auch die Diskussion um eine Pkw-Vignette in ein anderes Licht: Eine Anpassung der Mineralölsteuer um nur einen Cent würde bereits mehr Geld einbringen als das vorgestellte Vignetten-Konzept – und gleichzeitig für wünschenswerte ökologische Lenkungseffekte sorgen. Dabei wurde die Mineralölsteuer seit ihrer letzten Anhebung im Jahr 2003 real bereits um 14 Cent je Liter durch Inflation abgewertet.

Gegen ein solches Ausmaß an makroökonomischer Fehlsteuerung werden ordnungspolitische Einzelmaßnahmen kaum ankommen. Und auch immer neue Subventionen für das ökologisch Erwünschte werden an die Grenzen des finanziell Machbaren stoßen. Der Abbau umweltschädlicher Subventionen und die Korrektur des Steuer- und Abgabensystems haben dagegen den Vorteil, dass sie ökologisch sehr effektiv und ökonomisch effizient sind, da sie Eingriffe in die Freiheit des Einzelnen minimieren, sozial gerecht gestaltet werden können und gleichzeitig den Staat kein Geld kosten, sondern im Gegenteil seine finanziellen Gestaltungsspielräume sogar erhöhen. So können eine soziale Abfederung ökologischer Transformationsprozesse finanziert oder Steuern und Abgaben an anderer Stelle gesenkt werden.

Keine Energiewende ohne Ressourcenwende

Der größte Lichtblick ist dank des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) die Energiewende. Doch auch hier nimmt die Dynamik aufgrund eines einseitigen Blicks ab: Während es um die staatlichen Förderungen für erneuerbare Energien heiße Debatten gibt und die Fördersätze deutlich reduziert wurden, wird die vielfältige Förderung konventioneller Energieträger kaum in den Blick genommen. Dabei haben konventionelle Energieträger nicht nur in der Vergangenheit deutlich stärker von staatlichen Fördermaßnahmen profitiert als erneuerbare Energieträger. Auch heute fördern wir noch in großem Umfang Energieproduktion mit Kohle und Atomkraft – und das, obwohl wir doch aus diesen Technologien erklärtermaßen aussteigen wollen!

Allerdings wird ein einseitiges Schwarz-Weiß der Lage ebenfalls nicht gerecht. Slogans wie "Die Sonne schickt keine Rechnung" vergessen die materielle Basis erneuerbarer Stromerzeugung. Auch hier greifen wir in die Natur ein, auch hier werden natürliche Ressourcen verbraucht. Nicht nur bei Erneuerbaren-, auch bei Effizienztechnologien: Die Dämmung der Gebäude voranzubringen ist eine so riesige Aufgabe, dass viele dabei nicht auch noch darauf schauen mögen, womit eigentlich gedämmt wird. Doch künftigen Sondermüll an Hauswände zu kleben hat mit Kreislaufwirtschaft ebenfalls wenig zu tun.

All dies macht deutlich: Mit der Natur zu rechnen heißt nicht nur mit Energie zu rechnen. Wir müssen den Verbrauch natürlicher Ressourcen insgesamt in den Blick nehmen. Umweltsteuern sind heute in Deutschland ausschließlich Energiesteuern. Sie müssen dringend auf andere natürliche Ressourcen ausgeweitet werden.

Die Wirtschaft braucht ein klares Richtungssignal für ein nachhaltiges Wirtschaften. Heute verweist die Politik immer wieder darauf, dass Materialkosten in Deutschland bereits 40 Prozent der Produktionskosten ausmachten. Doch das ist ein falsch verstandener Indikator – er zeigt viel stärker den Grad der Arbeitsteilung als die Höhe der Ressourcenkosten, denn hierin sind auch Vorprodukte enthalten. Die tatsächlich zu zahlenden Ressourcenkosten sind dagegen bisher weitgehend zu vernachlässigen.

Zwar sind kurzfristig in den letzten Jahren durchaus immer wieder Preise für Ressourcen gestiegen – auf lange Sicht sind die Ressourcenpreise allerdings deutlich gefallen. Der Markt alleine wird nicht die richtigen Preissignale setzen. Gründe dafür gibt es zahlreiche. So enthalten Marktpreise keine externen Kosten – Umweltschäden sind in diesen Preisen also nicht berücksichtigt.

Dabei kann gerade bei knapper werdenden Ressourcen die Förderung immer unökologischer werden: Ölbohrungen in der Tiefsee und in der Arktis, Teersandgewinnung und Schiefergas-Fracking sind nur einige Beispiele dafür. Zudem treten künftige Generationen auf heutigen Märkten nicht auf. Auch dies führt zu niedrigeren Marktpreisen, als auf lange Frist im Sinne eines generationengerechten Ressourcenkonsums angemessen wären.

Die Grenzen muss der Staat setzen

Dabei gibt es auch jenseits umfassender Ressourcensteuern zahlreiche europäische Vorbilder für einzelne Problembereiche, zum Beispiel die Stickstoffüberschussabgabe in den Niederlanden oder Steuern auf Baustoffe wie Sand und Kies in Dänemark, Schweden und anderen Ländern. Daran kann und sollte Deutschland anknüpfen. Denn eine Ökonomie für das Anthropozän muss die Grenzen der ökologischen Belastbarkeit einhalten. Diese Grenzen muss der Staat setzen – sei es durch Steuern, Abgaben oder Zertifikatssysteme. Das setzt eine grundlegende Neuausrichtung der Finanzpolitik voraus, für die es politischen Mut und Durchsetzungsfähigkeit braucht. Doch eine solche Neuausrichtung ist im wahrsten Sinne des Wortes notwendig.

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Quantitatives Wachstum, das nur den Marktpreis als Kriterium kennt, steht einem Wirtschaften im Rahmen der natürlichen Grenzen entgegen. (Foto: Hakan Dahlström/Flickr)

Damian Ludewig ist Geschäftsführer des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) und Sprecher der Klima-Allianz