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Heft 4: Anthropozän

Die Veränderungen des Erdsystems durch den Menschen haben ein Ausmaß erreicht, bei dem plötzliche Veränderungen der Umwelt immer häufiger auftreten. Wir leben im "Menschenzeitalter", im Anthropozän.
Das Heft als PDF (5,5 MB) – Februar 2015

Heft 4: Anthropozän

Das Zeitalter des Menschen

Anthropozän ist ein schwieriges Wort, in dem der Mensch und die Geologie stecken. Es geht um beides, vor allem um das kritische Wechselverhältnis zwischen den menschlichen Aktivitäten und der Tragfähigkeit des Planeten Erde.

Text: Michael Müller

Anthropozän ist kein Modewort, um schnelle Aufmerksamkeit zu erregen. Es verlangt uns viel ab, denn die Einteilung der Erdgeschichte in eine geologische Zeitskala ist nicht nur eine komplexe wissenschaftliche Aufgabe, sondern hat weit reichende Folgen für unser Denken und Handeln. Auf dem Spiel steht nicht weniger als das Überleben der Menschheit.

Anthropozän benennt einerseits den Menschen als Hauptverursacher für das Ende der uns bekannten Erde, auf der sich in der zwischeneiszeitlichen Epoche der letzten 12.000 Jahre die menschliche Zivilisation entwickeln konnte. Den Naturgewalten gleich ist der Mensch zum stärksten Treiber geoökologischer Prozesse geworden. Obwohl die Umweltpolitik in den letzten 45 Jahren eine steile Karriere hingelegt hat, steuern wir scheinbar unaufhaltsam dem Kipppunkt entgegen.

Aber Anthropozän bedeutet auch, dass nur der Mensch den ökologischen Kollaps, der ihn dann auch selbst treffen wird, verhindern kann. Die Herausforderung Anthropozän wird zu einem unvermeidlichen Wettstreit zwischen analytischer Verzweiflung über den Zustand der Erde und den utopischen Möglichkeiten einer Welt der Nachhaltigkeit, Gleichheit und Demokratie, in der die ökologischen Grenzen des Wachstums eingehalten und mehr soziale Gerechtigkeit verwirklicht werden. Einer Welt, die weder Mangel noch Überfluss kennt.

Das Anthropozän stellt daher die Frage nach der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, in der diese Ziele möglich werden. Das muss vor dem Hintergrund der nachholenden Industrialisierung großer Erdregionen mit mindestens zwei Milliarden Menschen gesehen werden. Ohne eine sozialökologische Transformation werden diese Entwicklungstrends negative Synergien auslösen, die wir uns heute nicht einmal vorstellen können. Trotzdem soll mit internationalen Freihandelsabkommen wie TTIP die nächste Runde der Dummheit gestartet werden.

Die Erdepoche des Menschen

In der rund 4,5 Milliarden Jahre dauernden Erdgeschichte ist seit der Erfindung der Dampfmaschine eine Wirtschafts- und Lebensform aufgekommen, die unseren Planeten grundlegend umkrempelt. Die Marktkräfte, die massenhafte Nutzung fossiler Brennstoffe und der bedingungslose Glaube an den technischen Fortschritt lösten eine bis dahin unvorstellbare Expansion und Beschleunigung wirtschaftlich-technischer Prozesse aus. Die Einwirkungen auf die Natur eskalierten vor allem in den letzten fünf Jahrzehnten. Gleich ob Wasserkreislauf, fruchtbare Böden, natürliche Arten und Rohstoffe oder die Chemie und Dynamik der Atmosphäre – bis Mitte des letzten Jahrhunderts wurde erst ein Drittel der Schädigungen aus den letzten 500 Jahren registriert.

Die Evolution selbst wird in neue Bahnen gezwungen. Nur noch 23 Prozent der eisfreien Landflächen können als natürlich betrachtet werden. Es gibt Strände, an denen die feinen Körner fast zur Hälfte aus Plastik bestehen. Das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten übertrifft hundert- bis tausendmal die natürliche Rate. Durch die Verbrennung von Gas, Kohle und Öl werden die Senken überlastet. Der CO2-Ausstoß stieg in den letzten drei Jahrzehnten stärker, als selbst in pessimistischen Szenarien des Weltklimarates befürchtet wurde. Beim Einsatz von Stickstoff hat sich nicht nur die Menge in kurzer Zeit verdoppelt, durch künstlichen Dünger entstanden auch neuartige Isotope. Die Süßwasserreserven der Erde werden knapp, Wüsten breiten sich aus.

Vor diesem Hintergrund haben im Jahr 2000 der Gewässerwissenschaftler Eugene Stoermer und der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen den Vorschlag gemacht, unsere Erdepoche Anthropozän zu nennen. Crutzen begründet das so:

"Aufgrund der anthropogenen CO2-Emissionen dürfte das Klima auf unserem Planeten in den kommenden Jahrtausenden signifikant von der natürlichen Entwicklung abweichen. Insofern scheint es mir angemessen, die gegenwärtige, vom Menschen geprägte geologische Epoche als 'Anthropozän' zu bezeichnen. Sie folgt auf das Holozän, jene warme Epoche, die sich über die letzten 12.000 Jahre erstreckte."

Die menschlichen Eingriffe werden Crutzen zufolge "auf Jahrtausende hinaus der maßgebliche ökologische Faktor" sein, der die Kapazitäten der Natur untergräbt, sich selbst zu regulieren.

Die Geological Society of London, die älteste Vereinigung ihrer Art, ist für die Periodisierung der Erdgeschichte zuständig und wird dem Vorschlag Crutzens wahrscheinlich in diesem Jahr folgen. Seit 2009 trägt die Internationale Stratigrafische Kommission die Beweise zusammen. Angestoßen von Paul Crutzen, zählt dazu auch die Erfassung der planetarischen Belastungsgrenzen, die für das Überleben der Menschheit essenziell sind. Bei Klimawandel, Stickstoffkreislauf und Artenverlust sind die Grenzen bereits überschritten.

Das Ende der Wachstumsideologie

Bevölkerungszuwachs, Energieverbrauch und Klimawandel beschreiben das Trilemma des Wachstums: Seit 1967 verdoppelte sich in nur 44 Jahren die Zahl der Menschen auf sieben Milliarden, verdreifachte sich der Energieverbrauch, nahmen die Kohlendioxidemissionen um das Vierfache zu. Max Weber beschrieb in der "Protestantischen Ethik" den Kapitalismus als großes Triebwerk, dessen Zwängen sich niemand entziehen kann, "wahrscheinlich bis die letzten Zentner fossilen Brennstoffs verglüht sind". Der Wissenschaftsjournalist Christian Schwägerl beschreibt das so: "Der Mensch erschafft neue Landschaften, greift in das Weltklima ein, leert die Meere, erzeugt neuartige Lebewesen. Aus der Umwelt wird die 'Menschenwelt' – doch sie ist geprägt von Kurzsichtigkeit und Raubbau." Aber in der zusammenwachsenden Welt kann sich letztlich niemand den Folgen entziehen.

Statt Aufklärung und Verantwortung, Freiheit und Solidarität triumphiert ein ökonomisches Wachstumsdenken, das eine noch immer selbstgewiss demonstrierte Weltanschauung ist, die nur die Kurzfristigkeit des Augenblicks kennt. Das schädigt nicht nur die Natur, sondern trifft bereits die ärmsten Regionen der Welt, wo Wasserknappheit, Ernährungskrisen, Wüstenbildung und Wetterextreme zunehmen – und nicht zuletzt Migrationsbewegungen und soziale Konflikte. Die Folgen sind höchst ungleich verteilt, zurück bleiben lange Zeit wenige Gewinner, aber immer mehr Verlierer.

Die Natur vor dem Menschen schützen

Längst geht es nicht nur darum, den Menschen vor der Natur zu schützen, sondern die Natur (und dabei auch die Menschen) vor den Menschen. Dieser Verantwortung werden wir nicht gerecht. Nötig ist wie nie zuvor, die Ökologiebewegung zur Reformbewegung zu machen. Die Ökologie 2.0 ist die Verwirklichung einer Kultur des Bewahrens, einer sozialökologischen Transformation, einer nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensform.

Das Anthropozän erfordert mehr als den schnellen Abschied vom fossilen Zeitalter. Es erfordert eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die die ökologischen Grenzen des Wachstums als limitierenden Faktor ebenso anerkennt wie die absolute Entkopplung zwischen Ressourcennutzung und Wachstum und das Ende der Kurzfristigkeit, die heute die Ökonomie bestimmt. Statt den "Erwartungen der Märkte" zu folgen, brauchen wir eine Kultur der Nachhaltigkeit und die Verbindung von sozialer und ökologischer Gerechtigkeit: eben eine Ökologie 2.0.

Das Anthropozän ist jedoch kein Schicksal, sondern eine große Herausforderung, die im ersten Schritt ein grundlegendes Umdenken verlangt. Weg und Ziel des Umbaus ist es, die großen Leitideen der Moderne, Emanzipation, Freiheit und Gerechtigkeit, zu stärken. Ein systematisches Schrumpfen bei fossilen Energien, knappen Rohstoffen und modularisiertem Konsum ist unabdingbar.

Die ökologischen Grenzen des Wachstums spitzen auch die Verteilungsfrage zu – national, europäisch und global. Fortschritt kann nicht länger ein "Schneller, Höher, Weiter" sein. Die Ökologie 2.0 ist die Chance, mehr Lebensqualität, Freiheit und Gerechtigkeit zu gewinnen – lokal, national und international.

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Die Katastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl veränderte einen ganzen Landstrich. Nur ein paar Abenteuer-Touristen trauen sich heute noch für wenige Stunden in die verstrahlte ukrainische Stadt Prypjat. (Foto: Nick Reimer)

Michael Müller ist SPD-Politiker, ehemaliger Umweltstaatssekretär, Bundesvorsitzender der Naturfreunde, Ko-Vorsitzender der Atommüllkommission und Mitherausgeber von klimaretter.info