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Heft 4: Anthropozän

Die Veränderungen des Erdsystems durch den Menschen haben ein Ausmaß erreicht, bei dem plötzliche Veränderungen der Umwelt immer häufiger auftreten. Wir leben im "Menschenzeitalter", im Anthropozän.
Das Heft als PDF (5,5 MB) – Februar 2015

Heft 4: Anthropozän

Editorial

Seit der menschliche Einfluss auf die Erde die natürliche Variabilität übersteigt, sprechen wir vom Anthropozän. Diese Epoche begann mit einer von der Kohle getriebenen großen Transformation, der industriellen Revolution. Jetzt geht es um eine weitere Transformation – zu einer postfossilen nachhaltigen Entwicklung. Diese Transformation braucht Akteure.

Text: Martin Held, Jörg Schindler und Klaus Mertens

Anthropozän – ein Begriff, der im vergangenen Jahr seinen Weg aus der reinen Fachdiskussion in die Feuilletons geschafft hat. Um was es dabei geht? Der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen hatte 2002 in einem Aufsatz im Fachmagazin Nature vorgeschlagen, dem bisherigen Zeitalter Holozän das Zeitalter Anthropozän folgen zu lassen. Der Einfluss des Menschen auf die Entwicklung der Erde, so sein Argument, sei seit dem 19. Jahrhundert so stark gewachsen, dass er global die natürliche Variabilität übersteigt.

Übereinstimmung besteht in der dadurch angestoßenen Debatte darin, dass der Auslöser die industrielle Revolution war, die ihrerseits durch die Nutzung des fossilen Energieträgers Kohle zusammen mit Eisen und Stahl samt den dazugehörigen Techniken wie der Dampfmaschine und der Eisenbahn ermöglicht wurde.

Das Anthropozän begann also mit einer großen Transformation vergleichbar der vorangegangenen neolithischen Revolution, mit der Ackerbau und Viehzucht in die Menschheitsgeschichte Einzug hielten. Die industrielle Revolution war zugleich, wie der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi sie beschrieb, eine große Transformation bei der Herausbildung der Marktgesellschaft. Der fossil geprägte Kapitalismus ist deren Zwillingsschwester.

Erdöl – zusätzlich zur Kohle – und etwas zeitlich versetzt das Erdgas spielen eine grundlegende Rolle und beschleunigten das Wachstum der Bevölkerung, des Wasserverbrauchs, des Einsatzes von Düngemitteln, dem Umschlagen von Konsumgütern aller Art und des internationalen Tourismus.

Das Anthropozän nahm so richtig Fahrt auf, die Menschheit war bei ihrer Veränderung der großen Stoffkreisläufe und des Klimas enorm wirksam bis hin zu einem beschleunigten Verlust an Biodiversität. Nun erleben wir gerade den Anfang vom Ende der fossilen Welt, wie wir sie kennen – um einen Song der Rockband R.E.M. von 1987 zu zitieren: It’s the end of the world as we know it. Das "Business as usual" kommt an sein Ende.

Der Übergang kommt – krisenhaft oder nicht

In den 2010er Jahren beginnt damit die nächste große Transformation: von der fossil geprägten Nichtnachhaltigkeit hin zu einer postfossilen nachhaltigen Entwicklung. Das ist zugleich der Beginn der dritten Phase des Anthropozäns. Es gibt kein einfaches Zurück in die präfossile, vorindustrielle Zeit. Es handelt sich um einen radikalen Umbruch.

Oft wird gefragt: Wenn die strukturelle Nichtnachhaltigkeit wirksam wird, kommt dann der Umbruch nicht automatisch? Kurz gefasst: Das Bisherige kommt unvermeidlich an ein Ende, aber wie sich der Übergang vollzieht, ob mehr oder weniger krisenhaft und konfliktreich, ist nicht ausgemacht. Es ist die Herausforderung und Aufgabe, die anstehende große Transformation verträglich und gerecht zu gestalten. Dabei gilt: Die ökologischen und sozialen Fragen gehören zusammen. Die Beachtung der planetarischen Grenzen ist nicht einfach eine Frage ökologischer Nachhaltigkeit, sondern auch die Voraussetzung für nachhaltiges Wirtschaften.

Diese große Transformation, die in Richtung einer postfossilen nachhaltigen Entwicklung weist, braucht Akteure. Dabei sind wir alle gefragt, und zwar in der Zivilgesellschaft, in Kirchen, Gewerkschaften, in der Wirtschaft und Politik – individuell ebenso wie politisch-gesellschaftlich. Die große Transformation braucht Transformateure.

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Der Mensch verändert das Antlitz der Erde in großem Stil. Erst der Abbau von Kohle machte es möglich – und hinterlässt zugleich selbst unübersehbare Zeichen, hier im Braunkohletagebau Nochten in Sachsen. (Foto: Nick Reimer)

Martin Held, Jörg Schindler und Klaus Mertens sind Mitglieder im Gesprächskreis Die Transformateure