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Heft 7: Gerechtigkeit

Ungleichheit führt direkt zu ungesünderen und unsozialeren Gesellschaften, sagen Sozialmediziner. Aktuelle Daten zeigen: Je ungerechter die Einkommen verteilt sind, desto schlechter die Lebens- und Umweltqualität.
Das Heft als PDF (7 MB) – August 2015

Heft 7: Gerechtigkeit – Kommentare, Dienstag, 04. August 2015 02:36

Die Zukunft der Gesellschaft: Zum Beispiel Wohnungsbau

Zurzeit wird in vielen Zeitungen über den Wohnungsbau berichtet. Dabei ist meist der erste und wichtigste Aspekt die Tatsache, dass die neuen Wohnungen zu teuer seien und der eigentliche Bedarf bei preisgünstigen Wohnungen liege. Gerade kommt aus München folgende Information: "Seit Monaten kreist das politische Stadtgespräch praktisch nur noch um ein Thema – bezahlbares Wohnen". Über die fehlende ökologische, gesellschaftliche und psychologische Qualität wird aber kein Wort verloren. Dabei wären für die zukünftige Entwicklung diese Punkte die entscheidenden. Unsere Gesellschaft diskutiert nur über das Hier und Jetzt, und zwar nur über die rein materiellen Aspekte. Entweder entspricht das dem Weltbild der meisten Menschen oder die Medien dienen sich der Wirtschaft an, von der sie Werbeanonncen erwarten. Die Sozialverbände kümmern sich nur um aktuelle Themen. Für ganzheitliche, also ökologische und kulturelle Zusammenhänge, ist niemand vorhanden. Und so verbauen wir uns eine menschenwürdige Zukunft.

Wir wollen alle eine gute und das heißt auch eine sichere Zukunft ohne große Krisen. Die meisten Politiker glauben, dafür braucht man Wirtschaftswachstum. Dabei kann so ein Wachstum die Ursache für eine spätere Krise sein. Eine nachhaltige Wirtschaftspolitik ist deshalb wichtig. Da sich um diese Frage viele Fachleute kümmern, soll hier einmal der Blick auf unsere Lebensgewohnheiten gerichtet werden. Man kann durch eine falsche Art und Organisation des gesellschaftlichen Lebens Grundlagen schaffen, die zwangsläufig zu radikalen Krisen führen. Worauf ich hier besonders den Blick werfen möchte, ist die Frage, wie wir auf Krisen reagieren können. Wir haben gesehen, dass sich ganze Länder in die Kosten-Krisen manipulieren können. Meistens merken die Menschen die kurz bevorstehende Katastophe erst so spät, dass sie nicht mehr abgewendet werden kann.

Der Mehrzahl der Menschen in unserem Land geht es gut. Die Wirtschaft blüht und deshalb wollen alle auch ihren Anteil an den Gewinnen. In einigen Sozialbereichen besteht großer Nachholbedarf, besonders in der Altenpflege. Neue Einrichtungen und bessere Bezahlung belasten die öffentlichen Kassen. Man denkt, das wird schon irgendwie gehen, aber an die Zukunft denkt eigentlich niemand. Um das Jahr 1968 gab es überall im Land Zukunftswerkstätten. Diese sind bald verschwunden. Die Menschen kümmerten sich wieder mehr um ihr eigenes gegenwärtiges Fortkommen und um Wohlstand.

Eine Zukunftsforschung und -planung gibt es nicht in unserer Gesellschaft. Statistiker rechnen uns zwar vor, dass in 45 Jahren 1,5 Arbeitstätige einen Rentner versorgen müssen. Die Alten werden durch ihre Anzahl dann eine große politische Kraft sein, und das heißt, sie werden durchsetzen, dass sie bestens versorgt werden. Wie das finanziell gehen soll, weiß niemand, es interessiert sich auch niemand dafür, denn wir haben jetzt ja seit 40 Jahren von den Psychologen gehört, dass es nur um das Jetzt und Hier geht. Mit Sicherheit kommt dann wieder einmal eine Wirtschaftskrise. Die Autos werden in Entwicklungsländern produziert, denn mit dem ständig steigenden Wohlstandsniveau und den sich erhöhenden Sozialkosten werden unsere Waren für den Weltmarkt zu teuer. Das sind keine guten Aussichten, aber in Deutschland gibt es niemanden, der für die Zukunft zuständig wäre.

Wir werden in einen selbstverschuldeten Zustand wie Griechenland geraten, und da unser Land zu groß ist, wird es auch keinen größeren Bruder geben, der uns rettet. Ich bin von meiner Wesensstruktur her ein Optimist. Aber wenn ich über unser Land nachdenke, dann sehe ich wenig Licht. Wer kann sich mit der Zukunft beschäftigen? Die Medien interessieren sich nur für das Heute. Die Wirtschaft interessiert sich vielleicht noch für das folgende Jahr. Die Politiker denken nur bis zur nächsten Wahl. Und die Wissenschaft arbeitet nur an Details bis zu den Atombestandteilen und den Genen. An größeren Zusammenhängen zu arbeiten gilt heute fast als unwissenschaftlich.

Wer also könnte an die Zukunft denken und wer sorgt für eine krisenfeste Gesellschaft? Die Strukturen, die wir heute schaffen, werden uns morgen blockieren. Früher haben die Klöster die Kultur im Land verbreitet. Und ab der Neuzeit sorgten die Kirchen für die Bildung. Die Nichtregierungsorganisationen führen heute einen verzweifelten, wenig effektiven Kampf. Sie können nur die gröbsten Missstände bekämpfen. Also, es gibt niemand, der sich um die große zusammenhängende Zukunft kümmert. In der Not kann man hier nur noch an die Kirche denken, obwohl die Kirche eigentlich auch nur an sich selber denkt.

Die Medien interessieren sich für viele kleine positive Details. Je kleiner sie sind, desto menschlicher und emotionaler wirken sie. Vielleicht machen die vielen kleinen Engagements das Leben auch lebenswerter. Aber wer zu sehr den Blick auf diese kleinen Aktionen konzentriert, wie das die engagierten Zeitschriften machen, der kann in dem Gefühl wachsen, dass doch alles ganz gut läuft. Da offensichtlich die Mehrzahl der Menschen gerne diesem Gefühl Zuneigung schenkt, wird nirgends der Blick auf den katastrophalen Lauf in der großen Entwicklung gelenkt. Es ist nicht allzu schwer, sich ein Bild einer stabilen menschlichen Gesellschaft zu malen. Wenn man nun ein solches Bild mit dem vergleicht, was in den letzten 70 Jahren entstanden ist, dann muss einem klar werden, dass wir auf schwarze Zeiten zugehen.

Wie sähe nun eine helle Zukunft aus? Goethe sagte: Wer das Vergangene kennte, wüsste das Zukünftige. Das heißt auf jeden Fall, dass wir die jüngste Vergangenheit genau ansehen müssen. Das Ausklammern des Blickes auf Vergangenheit und Zukunft und die Zentrierung auf das materielle Individuum hat verheerende Strukturen entstehen lassen. Es geht beispielsweise um das materielle Wachstum ohne Rücksicht darauf, dass solche Einseitigkeiten sehr krisenanfällig sind. Das soll noch genauer beleuchtet werden Aber der Blick auf die ganze Vergangenheit der Menschheitskultur ist ebenso wichtig, um Strukturen zu erkennen, welche krisenstabil waren.

Gute Beziehungen und Gemeinschaften waren die Basis humaner und kulturell erfolgreicher Gesellschaftsphasen. Die Gemeinde- und Familienbande waren die Basis der Wirtschaft und des gesamten gesellschaftlichen Lebens. Damit wurden auch alle sozialen Probleme auf dieser Ebene gelöst. Das scheint heute nicht mehr nötig, denn die Großstrukturen sorgen für den Wohlstand und die Versicherungen und Sozialsysteme sichern die privaten Probleme ab. In Krisenzeiten hielten früher die Gemeinden, Nachbarschaften und Familien eng zusammen und überlebten so auf niedrigerem Niveau. In unserer Gesellschaftskonstruktion brechen bei einer Krise die Arbeitsplätze weg. Damit fehlt dem Staat und dem Sozialsystem das Geld, um den Menschen zu helfen. So lange alles gut läuft denkt niemand an langfristige Vorsorge. Wenn es dann knirscht, fehlt jede Hilfe. Man denke nur an die südeuropäischen Völker. Und dann stehen viele Menschen, das kann auch eine Mehrheit sein, ohne Hilfe völlig allein da. Das ist dann ein Sturz vom Wohlstand in das individuelle Chaos. Diejenigen, welche nachhaltig und zukunftsorientiert gehandelt haben, werden solche Krisen irgendwie überstehen. Aber nachhaltig müsste in diesem Sinne nachbarschaftlich und gemeinschaftlich heißen. Denn Krisensicherheit kann es nur in einer gewachsenen mitmenschlichen Partnerschaft geben.

Eine solche Orientierung ist auch in guten Zeiten kein Nachteil. Denn auch derjenige, der kein besonderes Interesse an der Zukunft hat, wird selbst einmal alt. Wenige Menschen haben große Lust, diese Zeit im Alten- und Pflegeheim zu verbringen. Denn gerade die Pflege im Alter kann menschlich nur in dem gewohnten sozialem Umfeld erfolgen. Das heißt, die Pflegeeinrichtungen müssen in jeder Nachbarschaftseinheit von dieser selbst organisiert werden. Im Krisenfall könnten hier alle zusammenstehen. Auch für die Kinder wäre eine solche funktionierende Nachbarschaftswelt ein Segen. Junge Familien könnten Hilfe von Älteren bekommen. Die Ideen einer wunderbaren Nachbarschaft sind bekannt und sie wurden auch verschiedentlich ausprobiert. Allerdings meist mit recht problematischem Erfolg. Nach der ersten euphorischen Phase, die dann auch pressewirksam vermarktet wurde, kam die Ernüchterung. Funktionierende Nachbarschaft benötigt ein ganzheitliches Konzept.

Die Voraussetzungen für eine solche Nachbarschaft sind heute kaum bekannt. Nur die Idee zu haben und dann ein Mehrgenerationenhaus zu bauen kann nicht funktionieren. Mit so einem Haus können weder die psychischen noch die funktionalen Bedingungen für ein gute Nachbarschaft erfüllt werden. Man muss wissen, dass Nachbarschaft auch sozialen Stress erzeugt. Das haben die Generationenhausbauer nicht bedacht und sie wunderten sich dann, dass in wenigen Jahren die Mehrzahl der einst begeisterten Interessenten wieder auszog. Architekturpsychologie und -philosophie müssen eben auf höchstem Niveau in die Planung einfließen. Es gibt ja noch mehrere Probleme in unserer Gesellschaft, zum beispiel das Stress- und das Burnoutphänomen. Wenn nun solche Probleme mit dem sozialen Stress noch gesteigert werden, ist so ein Modell nicht zu halten. Und wer interessiert sich in der Gesellschaft für die gescheiterten Modelle?

Vor allem müssen solche Modelle im Eigentum der Siedler stehen. Das geht über Genossenschaftssysteme oder Wohneigentums- und Vereinskonzepte. Denn krisensicheres Wohnen muss wesentlich preiswerter sein als die heutigen Kosten des Wohnens, wenn auch einmal eine Krisenphase überstanden werden soll. Und Kostengünstigkeit erzielt man im Baubereich nur durch Eigeninitiative. Man muss sich als Baunachbarschaft selbst organisieren. Dazu gehört auch die eigene Planung und das Studium der richtigen Kriterien. Natürlich muss man sich des Rates von Fachleuten versichern. Dann muss man die Finanzierung planen. Das geht nicht ohne Eigenleistungen. Und schließlich wird auch ein Teil der Bauleistungen von den Siedlern selbst zu erbringen sein. Das alles schweißt zusammen, wird aber für den normal Verdienenden zur Folge haben, dass sein Konsum- und Freizeitverhalten sich ganz auf das nachbarschaftliche Lebensprojekt konzentriert. Einem solchen größeren Lebensziel werden für viele auch die üblichen Urlaubs- und Reiseprojekte zum Opfer fallen.

Das Selbstbauen oder eine wesentliche Beteiligung am Bauen ist vollkommen außer Mode gekommen. Ich habe 20 Jahre in einer Siedlung gewohnt, welche ursprünglich von den Siedlern selbst erbaut wurde. Das waren Arbeitslose, die selbst keinen Pfennig Geld besaßen. Die Kosten für Grundstück und Baumaterial wurde als langfristige Hypothek eingetragen. Nun, so extrem muss man das heute nicht mehr machen. Ein Normalverdienender kann, wenn er ein klares Ziel hat, einen guten Finanzstock selbst ansparen. Wenn er sein Freizeit-, Urlaubs- und Hobbyverhalten ganz auf das Bauen richtet, kann er viel sparen. Und er kann dann auch am Bau tatkräftig mithelfen. In unserer Gegend machen das die meisten so. Und das macht ja auch großen Spaß. Am Bau arbeitet man dann auch in Gemeinschaft, was einerseits sehr befriedigend ist, andererseits für das Funktionieren der späteren Nachbarschaft das richtige Fundament darstellt. Warum sollte der heutige Mensch sich nicht statt als Mountainbikespezialist oder Fitnessmeister als Hobby-Handwerker-Fertigkeiten erwerben. Ich selbst habe bei meinen Bauten fasst alle Sparten ohne Handwerkerhilfe bis zum Konstruieren und Aufstellen von Dachstühlen ausgeführt.

Und da sind wir beim Kernproblem. Der heutige Mensch will, dass ihm das angenehme Leben von der Gesellschaft zur Verfügung gestellt wird. Er ist schon bereit zu arbeiten, aber darüber hinaus eigene Anstrengungen und Verantwortung für ein nachhaltiges Lebensprojekt zu übernehmen ist für fast jeden Zeitgenossen eine Zumutung. Dieser sagt einfach, das geht gar nicht – weil er zu bequem ist, das eigene Engagement zu aktivieren. Wahrscheinlich lernt der Mensch nur durch Katastrophen. Die letzte große Katastrophe ist zwar erst 70 Jahre her, aber das Wirtschaftswunder war halt so schön, dass wir das Erreichte einfach genießen wollen. Es gibt schon so etwas wie Landlust. Da schwingt auch eine gewisse Ahnung der Überstehung einer möglichen Krise mit. Man begnügt sich dann aber doch vielleicht mit einer Lektüre zu dem Thema. Aber ein wirkliches Nachdenken über eine sichere Zukunft kann man offensichtlich in unserem Gegenwartsbewusstsein nicht unterbringen. Ich denke da immer an die Geschichte von Sodom und Gomorra.

Wir könnten aus wirtschaftlichen Gründen sehr leicht an einer humanen und nachhaltig krisensicheren Zukunft bauen. Aber da sperrt sich unser Bewusstsein. Wenn eine Gesellschaft kurzsichtig ist, wie das immer vor großen Katastrophen der Fall war, dann lässt sich das Unglück nicht aufhalten. Und den wenigen, welche weiter denken, kann nur empfohlen werden, an einer Arche Noah selbst zu bauen. Das wäre heute eine Nachbarschaft, wie ich sie oben angedeutet habe. Es gibt Beispiele dafür. Viele negative, aber auch einige positive. Und deshalb beschreibe ich jetzt noch einige positive Beispiele, bei denen ich dann allerdings auch nicht die Problempunkte verschweige.

Ein Beispiel ist die Nachbarschafts- und Ökosiedlung Bamberg. Es gibt viele Kriterien, mit denen sich diese Siedlung von allem, was in den letzten Jahrzehnten gebaut wurde, unterscheidet. Ich konzentriere mich auf einige wenige Aspekte. Der erste Punkt ist die geschlossene Bauweise (siehe Abbildung). Das heißt, die Häuser stoßen aneinander und bilden mit den Fassadenwänden Plätze, Passagen, Höfe und Gassen. In dieser Form kommt zum Ausdruck, dass die Bewohner miteinander etwas zu tun haben, dass sie zusammenrücken, sich berühren und dass sie mit dem Symbol der Plätze eine Gemeinschaftsidentität bilden. Diese Plätze sind aber nicht nur symbolisch gemeinschaftsbildend, sondern sie fördern dadurch, dass sie für das Leben der Gemeinschaft zur Verfügung stehen, auch funktional die Gemeinschaftsbildung. Die öffentlichen Flächen sind autofrei und können damit durchgehend für das Spiel der Kinder und Jugendlichen zur Verfügung stehen. Die Erwachsenen treffen sich hier, halten auf den Flächen private oder gemeinschaftliche Feste und kommunizieren vor oder nach Veranstaltungen auf diesen Flächen. Und vor allem sind diese Flächen schön gestaltet und bepflanzt und zeigen damit etwas vom Selbstverständnis vielleicht auch vom Stolz der Siedler.

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Bei einer Siedlung mit freistehenden Einfamilienhäusern ist das ganz anders. Die öffentlichen Flächen sind ausschließlich Autostraßen und sie sind damit für Gemeinschaftsbildung ungeeignet. Die Bewohner kapseln sich hinter ihren Zäunen und Hecken voneinander ab. Das ist nicht nur materiell, denn die Architektur hat eine Sprache, welche sich an alle Menschen in ihrem Umfeld wendet. Sie sagt beispielsweise in diesem Fall: Mein Haus ist mein Schloss und mir soll niemand zu nahe kommen. Diese Sprache ist wie ein Botschaft, welche die dort Wohnenden täglich unbewusst aufnehmen. Sie ist ein Bollwerk gegen Nachbarschaftlichkeit. In einer solchen Atmosphäre kommt eine Nachbarschaftsenergie nicht auf. Für die Kinder sind solche Siedlungen kein geeignetes Lebensfeld und für die pflegebedürftigen Alten sind selten jüngere Familienangehörige vorhanden. Solche Siedlungen haben auch keine Nachbarschaftshäuser, keine Spielhäuser für die Jugendlichen, keine Gemeinschaftsgärten und besondere Einrichtungen und Wohnungen für die Alten etc. All solche Einrichtungen gibt es in der Nachbarschaftssiedlung Bamberg. Damit wird auch das Bedürfnis am Feierabend und Wochenende wegzufahren stark reduziert. Das ist umweltschonend. Man trifft sich familiär oder nachbarschaftlich auf Fußwegentfernung.

Dieser Aspekt der Reduzierung von Verkehrsbedürfnissen kommt noch einmal mit dem zweiten besonderen Merkmal der Siedlung zur Wirkung. Jede Hauptwohnung verfügt über einen einsichtsgeschützten Wohngarten. Wir gehen davon aus, dass Menschen nur dann dauerhaft die Kraft und Lust der Zuwendung zu den Mitmenschen haben, wenn sie über einen hochwertigen intimen geschützten Garten- oder Innenhof verfügen. Der Mensch braucht einen Rückzugsort für Ruhe und Besinnung. In diesen Innengärten können Wintergärten, überdeckte Sitzplätze und Nebengebäude errichtet werden. Dies erhöht die Wohnqualität und die Nutzungsvielfalt erheblich. Das heißt, dass in solchen Wohnanlagen das Leben reicher wird und weniger Bedürfnisse entstehen, außerhäusliche, teure und verkehrsaufwendige Unterhaltung zu suchen.

Dieser Effekt kann sich noch einmal wesentlich verstärken, wenn so eine Siedlung groß genug ist, um die meisten Lebensbedürfnisse auf Fußwegentfernung anbieten zu können. Solche Häuser mit einsichtsgeschützten Innengärten benötigen auch wesentlich weniger Grundstücksfläche als freistehende Einfamilienhäuser, was dann natürlich auch kostenmäßig eine Rolle spielt. Vermutlich sind solche Siedlungen in der Gesamtbilanz flächensparsamer als unsere gewöhnlichen Geschoss- und Hochhaussiedlungen. Das will aber niemand erforschen, weil es gegen den Großtrend geht.

Unter welchen Umständen der Kostenfaktor nach unten gedrückt werden kann, wurde schon oben angedeutet. Und wenn relativ konventionell und mit natürlichen Baustoffen gebaut wird, erhöhen sich die Möglichkeiten der Eigeninitiative. Wichtig an dieser Idee ist, dass die Mehrzahl der Bürger in die Lage versetzt wird, in einem solchen Umfeld eine Wohnung zu beziehen. Die Bamberger Siedlung ist zu klein, um alle lebenswichtigen Einrichtungen vorzuhalten. Es gibt zwar im Zentrum der Siedlung Altenwohnungen, aber diese sind nicht vielfältig genug, haben keine Pflegemöglichkeit und werden nicht von der Siedlung selbst verwaltet. So kann sich ein desintegratives Verhalten einstellen. In der Siedlung gibt es auch Arbeitsstätten. Aber insgesamt ist die Siedlung als Idealstruktur zu klein.

Was sich in Bamberg besonders bewährt hat, ist die Selbstverantwortung des Siedlervereins. Er hat das Grundstück gesucht, die Siedlungsplanung mit detailliertem Bebauungsplan durchgeführt, die Teilnehmer geworben, den Siedlerverein gegründet, die Gemeinschaftsflächen geplant, die Gemeinschaftseinrichtungen finanziert, die Gestaltsatzung beschlossen, die Baugenehmigungen durchgeführt und nun organisiert und betreut der Verein das laufende Veranstaltungsprogramm und die Vereinsaufgaben. Was sich auch als sehr gut erwiesen hat, ist der Gemeinschaftsgarten. Die einsichtsgeschützten Wohngärten sind ja sehr klein, so dass diejenigen, die größere Nutz- und Blumengartenflächen bearbeiten wollen, entsprechende Flächen direkt an der Siedlung günstig pachten können. Es geht dabei nicht nur um die Gartennutzung, sondern auch um den sozialen Effekt. Denn im Gegensatz zu den Innengärten gibt es hier keine Abfriedungen. Das, was früher vielleicht an Kommunikation am Dorfbrunnen ablief, kann hier im Gespräch am Gartenbrunnen erfolgen.

Es gibt noch viele Kriterien, welche eine funktionierende Siedlung zu erfüllen hat. Dazu gehört der menschliche Maßstab aller Siedlungsteile, gute Proportionen, schöne Gestaltung, abwechslungsreiche Formen, persönliche Handschrift der Bauherrn, große Gesamtharmonie, ein Mittelpunktsplatz, mit dem sich alle Siedler identifizieren können, eine Mittelpunktsbetonung, mit der auch die Wertvorstellungen zum Ausdruck gebracht werden, Gastronomie, Bürgerräume, Kinderspieleinrichtungen, Jugendräume, Gemeinschaftswerkstätten, Gemeinschaftsmüllanlage, Abgrenzungsgrünflächen mit Patenschaftsbäumen und Gestaltungsprinzipien, die auf eine gut entwickelte Architekturphilosophie und -psychologie aufgebaut sind. Bilder aus drei solchen Projekten sollen die Beschreibung anschaulich machen.

Es handelt sich um die oben genannte Nachbarschafts- und Ökosiedlung Bamberg. Dann um die Ökosiedlung Velburg und um die kleine Nachbarschaftssiedlung Mitterkreither Hof in Beratzhausen. Drei Punkte müssten erfüllt sein, um in sinnvolle Strukturen einsteigen zu können. Erstens ist allen drei Siedlungen die Idee einer nachhaltigen, krisenfesten, ganzheitlichen Mehrgenerationensiedlung gemeinsam. Eine solche Idee zu haben ist die Grundvoraussetzung für eine zukunftsfähige Entwicklung. Zweitens muss natürlich ein ausreichendes Wissen vorhanden sein. Dieses wurde in 50 Jahren in Studien, Seminaren und Einzelprojekten erarbeitet. Der dritte Punkt, die Realisierung, stieß aber auf gewaltige Hindernisse einerseits von Seiten der Gemeinden, der Rechtslage oder der Sozialsysteme, andererseits aber durch den Mangel an beteiligungswilligen Partnern. So sind Projekte entstanden, welche zwar gute Aspekte zeigen, aber mit einem realisierbaren Großprojekt noch nicht übereinstimmen. Sie sind als Studienobjekte aber bestens geeignet.

Studium der Nachbarschaftsprojekte wäre ein wesentlicher Teil der Zukunftsarbeit. Ein solches Studium könnte durch Kooperation von Einzelpersonen erfolgen. Solche Einzelaktionen gibt es, sie werden aber nicht zusammengeführt. Es fehlt also der Daueraustausch. Dann könnten gemeinnützige Stiftungen und Organisationen in dieses wichtige Zukunftsthema einsteigen. Und natürlich wäre es die Aufgabe der universitären und staatlichen Forschung, in dieses Zukunftsthema einzusteigen. Zuletzt aber hoffe ich, dass sich engagierte Medien dieses kulturellen Themas annehmen.

Theodor Henzler

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